Fortschritt wohin?

Künstliche Intelligenz stellt Effizienz- und Machtfragen neu

Von Klaus Meier

Zuerst erschienen in Lunapark21 – zeitschrift zur kritik der globalen ökonomie, Heft 68 (Frühjahr 2026) mit dem spezial Mustererkennung: KI, Technik, Herrschaft.

Die Künstliche Intelligenz befindet sich Anfang 2026 an einem Wendepunkt. Sie ist nicht mehr nur ein Werkzeug, das im Internet Fragen beantwortet und Texte formulieren kann, sondern es entstehen autonome Agenten, die komplexe, mehrstufige Aufgaben selbstständig planen und ausführen können. Technisch mag das ein Fortschritt sein. Doch es stellen sich Fragen nach den sozialen und gesellschaftlichen Folgen.

Rückblickend ist die KI eine noch junge Technik. Einen technischen Durchbruch gab es erst in den 2010er Jahren. Erst dann standen geeignete Rechner und genügend Daten zur Verfügung, um eine KI auf der Basis künstlicher neuronaler Netze zu entwickeln.

Die Dynamik beschleunigte sich im Jahr 2022, als das Start-up OpenAI in einem Forschungslabor in San Francisco das KI-Programm ChatGPT entwickelte. Die neue App löste weltweit Wellen der Begeisterung aus und wurde bald von Hunderten Millionen Menschen genutzt. Systeme wie ChatGPT werden als Large Language Modelle (LLMs) bezeichnet.

Die LLMs sind eigentlich Textvervollständiger. Das dafür eingesetzte Verfahren wurde erst 2017 von Google-Forschern entwickelt. Während eines Trainings lernt die KI fehlende Wörter in einem Text zur vervollständigen. Die Lösung ergibt sich aus der allgemeinen Wahrscheinlichkeit, mit der ein Wort im Zusammenhang mit dem Kontext auftritt. Kleinere KI-Programme machen noch viele Fehler, aber wenn die LLMs mit mehreren hundert Milliarden Parametern trainiert werden, dann entsteht ein Sprung und die KI beherrscht plötzlich die menschliche Sprache.

Heute nutzen Hunderte von Millionen Menschen täglich große KI-Modelle wie ChatGPT von OpenAI, Claude von Anthropic oder Gemini von Google. Diese und weitere spezialisierte KI-Anwendungen können Texte, Übersetzungen, Bilder, Software-Code, Videos oder auch PowerPoint-Präsentationen erzeugen. Auch die Wissenschaft kann die heutigen KI-Verfahren zur Mustererkennung in großen Datenmengen nutzen. Damit lassen sich beispielsweise Fortschritte in der Chemie, der Werkstofftechnik oder der Medizin erzielen. Das ist zweifellos beeindruckend. Der wissenschaftlichen Community ist jedoch auch klar, dass die heutigen KI-Systeme zwar sehr leistungsstarke Werkzeuge sind, aber keine echte Intelligenz auf menschlichem Niveau repräsentieren.

Die neuen KI-Agenten

Anfang 2026 tauchten dann die sogenannten KI-Agenten auf, eine anwendungsbezogene Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz. Diese neuen Systeme greifen auf die bestehenden KI-Architekturen von OpenAI, Anthropic oder Google zurück. Sie bleiben aber nicht dabei stehen, sondern kombinieren sie mit dem Internet, Datenbanken und vorhandenen Anwendungsprogrammen. KI-Agenten können so komplexe Aufgaben strukturieren, die einzelnen Arbeitsschritte stundenlang verfolgen und mit anderen Programmen umsetzen. Das war noch vor einem Jahr nicht möglich, weil sich die KI-Strukturen nach kurzer Zeit verhedderten. Befeuert wurde der Hype um KI-Agenten durch das Programm Open Claw. Es wurde vom österreichischen Entwickler Peter Steinberger entworfen. Ein Insider der Entwicklerszene bezeichnete das Programm als Schockmoment: »Wer Open Claw benutzt hat, versteht nun, wohin sich die KI-Welt entwickelt.« Steinberger erklärte, dass sein KI-Agent am Computer alles kann, was auch ein Mensch könne. So kann sich der Agent durch Programme klicken, selbstständig E-Mails schreiben, Programme nutzen oder auch Telefonanrufe tätigen.

Ihre besondere Stärke entfalten KI-Agenten bei der Software-Entwicklung. Software kann auf Anforderung weitgehend selbstständig geschrieben, anschließend getestet und dann auch bis zu einem gewissen Grad korrigiert werden. Auch die großen KI-Konzerne sind bereits in diese Technologie eingestiegen. So hat Anthropic das Programm Cowork herausgegeben. Es kann Vertragsprüfungen im Rechtsbereich, Finanzanalysen und Marktstudien durchführen oder auch biologischer Versuchsdaten auswerten. Obwohl die Entwicklung von KI-Agenten gerade erst begonnen hat, sind die Chefs vieler kapitalistischer Konzerne von dieser neuen Technologie regelrecht elektrisiert.

Verantwortungslosigkeit und Gefahr des Kontrollverlustes

Technologisch stehen die KI-Agenten sicher für einen technischen Fortschritt. Ob das aber ein Grund zur Freude ist, kann durchaus bezweifelt werden. Sicherheitsexperten kritisierten an Open Claw, dass das Programm völlig unkontrolliert sensible Dateien ausliest, Skripte startet und Programme ausführt. Sensible Daten, wie Schlüssel für Schnittstellen, Passwörter und sogar Kreditkartennummern werden im Klartext verarbeitetet.

Kritische Forscher warnten auf einem KI-Gipfel Anfang 2026 in Neu-Delhi vor eigenständigen KI-Systemen. Dies könnte extreme Fehler zur Folge haben. Andere nannten es eine »absolute Verantwortungslosigkeit historischen Ausmaßes«, KI-Agenten ohne Kontrollmechanismen auf den Markt zu bringen. Ein Vizepräsident des Cybersecurity Unternehmens Sophos erklärte, dass ein Programm wie Open Claw die »tödliche Dreifaltigkeit moderner KI-Agenten« enthalte: »Zugriff auf sensible Daten, Verarbeitung nicht vertrauenswürdiger Inhalte und die Fähigkeit zur externen Kommunikation«.

Ob die großen KI-Konzerne sich durch diese Kritiken beeinflussen lassen, ist allerdings zu bezweifeln. So erklärte der Chef des US Tech-Konzerns Alphabet, Sundar Pichai, dass die Welt dank KI »an der Schwelle zu Hyperfortschritt« stehe. Doch nicht nur die Sicherheitsprobleme durch unkontrollierte KI-Agenten sind gravierend. Es entstehen weitere Bedrohungen. So können KI-Agenten in der Rüstungstechnik für Drohnen und Roboterfahrzeuge eingesetzt werden. Das würde die Kriegsführung noch mörderischer und heimtückischer machen, als sie bereits heute ist. KI-Agenten könnten zudem für die systematische Überwachung der Bevölkerung und für Geheimdienstoperationen autoritärer Systeme genutzt werden.

Schließlich bekommt der Kapitalismus mit den Agenten ein Werkzeug in die Hand, mit dem er nicht nur Produktionsjobs sondern auch Büro- und Verwaltungsarbeitsplätze in einem größeren Umfang wegrationalisieren kann. Eine Studie von McKinsey schätzt, dass insbesondere im Bürobereich etwa 60 Prozent der Routineaufgaben wie Dateneingabe, Lohnabrechnung und Terminplanung durch KI automatisiert werden könnten.

Beispiel Software: Rationalisierung mit KI

Die Anwendung von Künstlicher Intelligenz ist in der Software-Entwicklung bereits sehr weit fortgeschritten. In diesem Sektor arbeiten in Deutschland derzeit rund eine Million Menschen. Bisher war das Schreiben von Computercode mit einer hohen Qualifikation verbunden. Aber mit Hilfe von KI-Programmen wird das Code-Schreiben extrem vereinfacht. Noch ist es zwar in den meisten Fällen erforderlich, dass erfahrene Programmentwickler den mit KI erstellten Code im Nachhinein überprüfen. Doch die großen KI-Konzerne verbessern ihre Werkzeuge zur Entwicklung von Programmcode immer weiter. Das gilt sowohl für den Programmier-Agenten von Anthropic, der die Bezeichnung »Claude Code« trägt als auch für das Konkurrenzprodukt »GPT-5.3-Codex« von OpenAI. Dadurch lassen sich die Arbeitsabläufe zur Programmerstellung deutlich beschleunigen und die Entwicklungskosten für komplexe Software sinken erheblich.

Immogames, ein Anbieter von Spielen für Browser und mobile Plattformen, berichtete dem Handelsblatt zufolge, dass das Unternehmen KI-Agenten erfolgreich einsetzt. Diese Systeme erhalten klar definierte Aufgaben und können dann selbstständig den Code schreiben und anschließend auch überprüfen. Ideen, Verantwortung und Kontrolle verbleiben jedoch beim Menschen. Das Ergebnis ist messbar: Für die Entwicklung eines Spiels, an dem in der Vergangenheit 30 Mitarbeiter vier Monate gearbeitet haben, sind jetzt nur noch zwei Personen ein bis zwei Wochen tätig.

In vielen Software-Sektoren sind bereits erste Anzeichen für eine Rationalisierungswelle erkennbar. So in Indien, einem Land, das in der Vergangenheit für westliche Konzerne als verlängerte Software-Werkbank gedient hat. Noch zu Beginn des Jahrzehnts stellten Indiens IT-Dienstleister jedes Jahr mehr als 100.000 Menschen in diesem Sektor ein. Seit kurzem haben sie begonnen, Programmieragenten zu nutzen. Die Folgen sind schon sichtbar. So strich der Marktführer Tata Consultancy Services im letzten Quartal 11.000 Stellen.

Bei allen Betrachtungen muss berücksichtigt werden, dass Jobänderungen durch Künstliche Intelligenz das tägliche Leben der meisten Menschen noch nicht beeinflusst haben. Die Vorbereitung von KI-Verfahren zur Rationalisierung ist zunächst ein mühseliger und arbeitsaufwendiger Prozess. Das gilt besonders für die Industrie. Tiefergreifende KI-Rationalisierungseffekte dürften dort erst in den 2030er Jahren zu erwarten sein.

Macht- und Reichtumskonzentration durch KI bei den Tech-Unternehmen

Um die Entwicklung der KI gesellschaftlich einordnen zu können, muss man die Entwicklung des Kapitalismus der letzten drei Jahrzehnte betrachten. Empirische Untersuchungen belegen, dass sich in dieser Zeit Macht und Reichtum immer stärker bei wenigen Kapitaleignern konzentriert haben. Die Entwicklung des Internets und die monopolistische Kontrolle über die Infrastruktur der Softwaretechnologien durch wenige große Konzerne haben diese Entwicklung noch einmal beschleunigt. Das wird in den USA besonders deutlich, wo die sieben großen Tech-Konzerne ein gewaltiges Imperium aufgebaut haben. Gemeinsam erreichen sie mittlerweile einen Marktwert von 18 Billionen Dollar. Das ist genauso groß wie das gesamte BIP der EU mit ihren 450 Millionen Einwohnern.

Die US-Tech-Konzerne nutzen ihre Milliarden und ihre Macht systematisch, um sich auch die neue KI-Technologie anzueignen. Dies geschieht auf zwei Ebenen: Einerseits kaufen sie wichtige Know-How-Träger mit ihren Geldern kurzerhand ein. Andererseits eignen sie sich das Wissen der Welt in Form von Literatur und verfügbaren Internet-Texten kostenlos für das Training ihrer KI-Systeme an – eine Praxis, die an Kolonialismus erinnert. Zusätzlich zum Internet bauen sie so ein weiteres Monopol bei der KI-Infrastruktur auf. Damit wollen sie ihren Reichtum und ihre Dominanz weiter vergrößern.

Die Aneignung der KI durch wenige Multimilliardäre dürfte die bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaften weiter entdemokratisieren, über das bisher schon gewohnte Maß hinaus. Der Philosph Thomas Metzinger sagte dazu: »Alle diese Leute wie Zuckerberg, Altman, Pichai, nicht nur Musk und Thiel, sind nicht vertrauenswürdig – das wird nicht die Trustworthy AI, die die EU seit 2019 im Auge hat. Die sind alle in Mar-a-Lago niedergekniet und haben den Ring geküsst.«

Ressourcenfresser KI

Die Entwicklung der großen Large Language Modelle ist ein gewaltiges technisches, logistisches und finanzielles Unterfangen. Branchenbeobachter schätzen, dass allein das Training des Modells GPT-4 rund drei Monate gedauert hat und dass dafür zehntausende von A100-GPUs von NVIDIA eingesetzt wurden.

Ein einzelner derartiger Prozessor kostet je nach Speicherkapazität zwischen 12.000 bis 28.000 Euro. Die großen Internet-Konzerne liefern sich ein gigantisches Rennen, um immer bessere LLMs zu entwickeln und den Markt mit ihren Modellen zu durchdringen. Dafür werden unfassbar hohe Finanzmittel in den Aufbau gigantischer Rechenzentren gesteckt. Anfang August 2025 veröffentlichte McKinsey eine Studie, die die dafür getätigten weltweiten Investitionen allein bis 2030 auf 7 Billionen US-Dollar schätzte.

Die Gigantomanie beim Ausbau der Rechenzentren hat aber ökologische und soziale Folgen. Die Rechenzentren sind gigantische Stromfresser, die rund um die Uhr ununterbrochen mit Energie versorgt werden müssen. Um KI-Modelle wie ChatGPT zu trainieren, wird bisher etwa so viel Strom benötigt, wie eine Großstadt verbraucht. In der Folge kommt es bereits jetzt in manchen Regionen zu einer starken Belastung der Stromnetze. Die Stromverbrauchsquote der Rechenzentren liegt in Frankfurt bereits bei 40 Prozent und in Dublin sogar bei 80 Prozent. In Nordamerika drohen durch den ungebremsten Ausbau von Rechenzentren bereits Stromengpässe und in der Folge steigende Strompreise.

Interessierte Kreise behaupten zwar, dass KI dabei helfen würde, Energie einzusparen. Doch das ist ein Märchen. Die zahlreichen Rechenzentren, die in den USA bisher 800 Milliarden US-Dollar gekostet haben und bei denen die Investoren mit den Energieversorgern extrem günstige Strompreise vereinbart haben, gehen zulasten der privaten Haushalte. Sie müssen mit ihren steigenden Strompreisen faktisch die profitablen Tech-Unternehmen der USA quersubventionieren. Um für das Training ihrer KI genügend Rechenleistung zur Verfügung zu haben, setzen die Tech-Konzerne zunehmend auf Atomkraftwerke. Doch der Aufbau der Anlagen dürfte viele Jahre dauern und es fehlen dafür auch die Fachkräfte.

Die KI-Blase und die Tech-Konzerne

Der KI-Hype hat einen signifikanten Anstieg der US-Tech-Aktien ausgelöst. Anfang November 2025 lag der gesamte Börsenwert aller US-Aktien zusammengenommen bei etwa dem Zweieinhalbfachen des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts. Experten sehen darin eine extreme Überbewertung. Der legendäre Börseninvestor Warren Buffett vertrat in der Vergangenheit die Meinung, dass bereits dann eine Überbewertung vorliegt, wenn das BIP und der gesamte Börsenwert annähernd gleich sind.

Es wundert daher nicht, dass es an den Börsen mittlerweile Sorgen über die Bewertung der US-Tech-Aktien gibt. Besonders beunruhigend ist, dass die US-Tech-Unternehmen weiterhin viele hundert Milliarden Dollar in den Aufbau von immer mehr Rechenzentren samt teuren Nvidia-Chips stecken. Um diese gewaltigen Ausgaben zu stemmen, erfolgt die Finanzierung aber zunehmend über Schulden. Insbesondere der OpenAI-Konzern nutzt für die Entwicklung seines populären KI-Dienstes ChatGPT riesige Rechnerkapazitäten. Dafür muss das Unternehmen gewaltige Summen aufbringen. Das Gesamtvolumen dieser Finanzverpflichtungen liegt mittlerweile bei 1,5 Billionen Dollar.

OpenAI verdient bisher vor allem mit Abonnements seiner KI-Dienste, mit Lizenzverträgen für Unternehmen und mit der Cloud-Integration von Microsofts Dienst Azure. Es gibt zwar 800 Millionen wöchentliche ChatGPT-Nutzer, aber der größte Teil bezahlt dafür nichts. Sam Altman, der Chef von OpenAI, weigert sich, Zahlen über die Bilanzen seines Unternehmens zu nennen. Es gibt aber Schätzungen von Analysten, die den aktuellen Jahresumsatz von ChatGPT gerade mal auf 13 Milliarden US-Dollar schätzen.

Fazit

Wir erleben heute, wie sich die großen Tech-Konzerne ein gnadenloses Wettrennen um die Vorherrschaft im KI-Bereich liefern. Dafür sind sie sogar bereit, das globale Finanzsystem zu gefährden. Riesige Kapitalflüsse werden in die KI umgelenkt und stehen dann für den ökologischen Umbau, das Gesundheits- oder das Sozialsystem nicht mehr zur Verfügung. Die Alternative sollte eine vergesellschaftete und demokratisch kontrollierte KI-Infrastruktur sein, die einer sozial und ökologisch umgebauten Gesellschaft zur Verfügung steht.
Klaus Meier ist Ingenieur und Hochschuldozent, engagiert im Netzwerk Ökosozialismus

Der Artikel erschien zuerst in Lunapark21 – zeitschrift zur kritik der globalen ökonomie, Heft 68 (Frühjahr 2026) mit dem spezial Mustererkennung: KI, Technik, Herrschaft.