„Menschlichkeit in den Mittelpunkt: Durch Bildung KI entwaffnen!“

Professor Klaus Zierer zieht erziehungswissenschaftliche Konsequenzen  aus der Enzyklika „Magnifica humanitas“ (MH) von Papst Leo XIV: „Humanistische Wende in der Pädagogik ist überfällig“

Pressemitteilung vom 28.05.2026

Papst Leo XIV. legt mit seiner ersten Enzyklika den Finger in die globale Wunde: Bei aller Digitalisierungseuphorie, wie sie derzeit in so vielen gesellschaftlichen Sektoren zu vernehmen ist, laufen wir Gefahr, die Kontrolle über die Technik zu verlieren. Daher räumt er im 4. Kapitel seiner ersten Enzyklika der Bildung im Kontext der globalen digitalen Herausforderungen einen zentralen Stellenwert für die „Wahrheit als Gemeingut“ (MH 132 – 147) ein:

„In einer Zeit, in der die Wahrheit oft Interessen und Kommunikationsstrategien untergeordnet wird, kommt der Bildungswelt eine entscheidende Bedeutung zu. Doch die rasanten technologischen Veränderungen machen deutlich, wie unvorbereitet wir im Bildungsbereich sind. Die allgegenwärtigen digitalen Medien schaffen eine Kultur der Unmittelbarkeit und Überstimulation, die angesichts des Aufwands, der für die Suche nach der Wahrheit erforderlich ist, zu Ermüdung, Langeweile und Apathie führt.“ (MH 139).

Mit diesen Worten prangert Papst Leo XIV. eine naive Digitalisierung an, die sich allein dadurch zeigt, möglichst viel Technik in die Klassenzimmer zu bringen, dabei aber ihren Grundauftrag der Bildung vergisst. Dieser ist im Kern ganz anders gelagert, wie die Suche nach Wahrheit zeigt. So weist er der Schule eine „zentrale Rolle“ zu (vgl. MH 143-147), insofern sie „der Ort (ist), an dem die neuen Generationen lernen können, die Wahrheit zu suchen und zu lieben, sich mit dem Sinn des Lebens und mit der Würde eines jeden Menschen auseinanderzusetzen.“ (MH 143).

Der Bildungsbereich tut deshalb gut daran, sich mit der Analyse und den Schlussfolgerungen von Papst Leo XIV zu beschäftigen, zumal der Heilige Vater auch als studierter Philosoph und Mathematiker über sein oberstes Lehramt hinaus interdisziplinäre Impulse und Maßstäbe im globalen Diskurs setzt, die gerade einer in den letzten Jahren massiv verengten Forschungsperspektive in der Erziehungswissenschaft wieder weite Horizonte und fundierte Grundlagenreflexion ermöglichen kann.

(1) Menschenwürde und Ehrfurcht vor dem Leben als pädagogische Leitmotive.

„Die Schule ist der Ort, an dem die neuen Generationen lernen können, die Wahrheit zu suchen und zu lieben, sich mit dem Sinn des Lebens und mit der Würde eines jeden Menschen auseinanderzusetzen. Deshalb setzen viele Eltern, die möchten, dass ihre Kinder Beziehungsfähigkeit entwickeln, über kritisches Denken verfügen und sich auf solide Werte stützen, große Erwartungen in die Schule und betrachten diese als wertvolle Verbündete bei der Erziehung ihrer Kinder.“ (MH 143)

Schule muss vom technologischen Labor und einer psychologisch-technokratischen Spielwiese wieder zu einem humanen Bildungsraum werden. Schüler sind keine Kompetenzmaschinen und Versuchskaninchen digitaler Werkzeuge. Sie dürfen nicht zu „Rädchen im System“ werden, die digital in alle Einzelteile vermessen werden, wie es die Debatte um eine Schüler-ID zeigt. Der Mensch und damit auch Bildung sind mehr als messbare Leistung und ökonomische Verwertbarkeit. Schüler sind Menschen aus Fleisch und Blut, mit Kopf und Herz, keine Digitalinkubatoren oder Algorithmenadressaten. Bildung braucht einen klaren Wertekompass, der jede Gemeinschaft im Innersten mehr zusammenhält als jede messbare und verwertbare Kompetenz. Allen voran sind hier Solidaritäts– und Kritikfähigkeit zu nennen, die die Grundlage einer Selbst– und Mitbestimmung von Menschen als freie Gleiche ist. Der pädagogische Bezug mit gegenseitigem Respekt und einer Achtung der Würde und Ehrfurcht vor dem Leben des Anderen muss wieder das pulsierende Herz aller pädagogischen und didaktischen Bemühungen werden.

(2) Pädagogik vor Technik.

„Viele Bildungssysteme haben Mühe, mit dem Wandel Schritt zu halten und die ganzheitliche Entwicklung der Schüler zu fördern. Der Fortschritt von Informationstechnologien und KI lässt Lehrpläne, die für eine andere Zeit konzipiert wurden, rasch überholt erscheinen, während die Organisation von Schulen, die Räumlichkeiten, die Bewertungsmethoden und selbst die Rolle des Lehrers im Hinblick auf eine wahrhaft ganzheitliche Bildung, die alle Dimensionen des Menschen berücksichtigt, neu zu überdenken sind.“ (MH 145)

Erziehung ist Bildungs- und damit Lebenshilfe. Der immer wieder propagierte Erwerb von KI-Kompetenz führt in die Irre, weil er Bildung missversteht und den Menschen von sich selbst wegführt, entfremdet, inhuman macht: „Wir müssen uns darin schulen, auf KI zu verzichten und wir müssen unsere Jugend vor der Verheißung der perfekten Maschine schützen, vor jener subtilen Verführung, die das menschliche Denken gerade dann nutzlos erscheinen lässt, wenn es am notwendigsten ist.“ (MH 140) Die Konsequenzen sind aus pädagogischer Sicht fatal und werden von Papst Leo XIV. klar benannt:

„Wenn wir nicht aufpassen, kann ein Bildungssystem entstehen, dem die Liebe zur Wahrheit fehlt und in dem der unaufhörliche Informationsfluss Forschung, Reflexion und Unterscheidung ersetzt. Angesichts eines zunehmend fragmentierten Wissens wird es schwieriger, die Wirklichkeit als Ganzes zu erfassen, Fragen nach dem Sinn zu stellen und ein authentisches, kritisches und kreatives Denken zu entwickeln.“ (MH 146)

Gut 300 Jahre nach Immanuel Kant muss der Grundsatz „Sapere aude!“ wieder das Zentrum von erziehendem Unterricht und Didaktik werden. Der Mensch muss nicht nur das Denken lernen, sondern auch den Mut haben, immer und immer wieder selbst zu denken. Andernfalls verfällt er in eine selbstverschuldete Unmündigkeit, wie sie gerade in Zeiten von Chatbots um sich greift, weil jede Antwort schon da ist, bevor sie gestellt wurde. Das Bildungssystem muss sich einer Kopernikanischen Wende unterwerfen, die zu einem anthropozentrischen Bild von Pädagogik zurückkehrt und sich aus der Babylonischen Gefangenschaft von Methoden und Medien befreit. Die Antworten auf die zentralen Bildungsfragen, was wir wissen können, was wir tun sollen, was wir hoffen dürfen und wer wir als Menschen sind, kann nicht die KI beantworten. Antworten auf all diese Fragen lassen sich nur in der Interaktion zwischen Menschen finden. Schule und Familien sind hierfür die zentralen Orte.

(3) Schule und Familie als Orte der Bildung für das Individuum und die Gemeinschaft.

„Die Katholische Soziallehre ruft Familien, Schulen, christliche Gemeinschaften und öffentliche Einrichtungen zu einem erneuerten Bildungsbündnis auf. Dies konkretisiert sich, wenn die grundlegenden Prinzipien in Bildungsziele umgesetzt werden: Erziehung zur Nüchternheit und zu einem Sinn für Grenzen; Erziehung zur Anerkennung des Rechts anderer Menschen und künftiger Generationen, die Güter zu genießen, die uns gegeben sind oder die der menschliche Erfindergeist verfügbar macht; Erziehung zu Freiheit und Verantwortung; Erziehung zu einem Bewusstsein für Transzendenz und für das Gemeinwohl.“ (MH 147)

Die empiristische und technologische Hypertrophie hat die Schulen in eine schwere Krise gestürzt. Die PISA Studien zeigen das deutlich: Weltweit gehen die Lernleistungen zurück und verweisen auf eine globale Bildungskrise. Die KI-Besoffenheit von Bildungspolitik, Schulaufsicht und einem großen Teil der Erziehungswissenschaften wirkt derzeit wie ein Brandbeschleuniger nach Jahren des Zündelns mit dem Feuer der Digitalität, das bereits großen Schaden angerichtet hat. Das Haus der Schule muss neu gebaut werden. Sein Fundament ist ein personales Menschenbild – seine tragenden Wände sind Wissen und Können, Herz und Charakter (vgl. Art 131 Abs. 1 Bayerische Verfassung) – seine Fenster sind die Visionen „Frieden“, „Gerechtigkeit“ und „umfassende Nachhaltigkeit“ (auch das Werte, die in der Bayerischen Verfassung stehen, vgl. Art. 131 Abs. 2 und 3). Wir brauchen eine neue öffentliche Debatte über die Bildungs- und Erziehungsziele, die uns gerade in einer offenen und pluralistischen Gesellschaft wichtig sind. Schule und Familie sind die zentralen Orte für die nachwachsende Generation. Diese Orte leben von Werten, über die wir uns wieder austauschen müssen und die uns nicht von der KI vorgegeben werden dürfen. Dabei können wir uns an den Worten orientieren, die Papst Leo XIV. im Schlusskapitel seiner Enzyklika proklamatorisch, ja geradezu beschwörend formuliert:

  • „Bleiben wir der Wahrheit treu!“ (MH 237)
  • „Investieren wir in die Bildung, die bei uns selbst beginnt!“ (MH 238)
  • „Pflegen wir Beziehungen!“ (MH 239)
  • „Lieben wir die Gerechtigkeit und den Frieden!“ (MH 239)

Der Heilige Stuhl – Dikasterium für Kommunikation – Libreria Editrice Vaticana (2026): Enzyklika Magnifica humanitas des Heiligen Vaters Leo XIV. über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter künstlicher Intelligenz (26.05.2026).

Aus dieser Quelle sind alle Zitate entnommen.

Zierer, Klaus / Gottfried, Thomas (2024): Ehrfurcht vor Gott. Über das wichtigste Bildungsziel einer modernen Gesellschaft. Münster: Waxmann.

Zierer, Klaus (2024): ChatGPT als Heilsbringer? Über Möglichkeiten und Grenzen von KI im Bildungsbereich. Münster: Waxmann.

Ansprechpartner und Kontakt:
Univ.-Prof. Dr. Klaus Zierer – Ordinarius für Schulpädagogik
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