Ziad Mahayni (II): KI in der Schule verändert das Leben, das Denken und das Lernen …

… wenn man sich von Tech-Monopolen und Software entmündigen lässt

Der Karlsruher Professor für Angewandte Ethik, Dr. phil. Ziad Mahayni, hat eine scharfe Kritik „Wozu lernen, wenn KI schon alles weiß?“ an der Einführung von KI im Bildungswesen publiziert.

Von Peter Hensinger

Der Karlsruher Professor für Angewandte Ethik, Dr. phil. Ziad Mahayni, hat eine scharfe Kritik an der Einführung von KI im Bildungswesen publiziert: „Wozu lernen, wenn KI schon alles weiß?“ Er vertritt die These, dass man generative KI nicht als weiteres Werkzeug zur Erledigung von Aufgaben begreifen dürfe, sondern als eine Meta-Technologie, die das gesamte Agieren und das Selbstverständnis des Menschen verändert. Doch Bertelsmann empfiehlt mit Beamten aus Bildungsministerien die Einführung von KI an Schulen, die Prien-Kommission der Bundesregierung ein KI-Seepferdchen an Grundschulen. Mahayni schreibt:

„KI untergräbt die Fähigkeit zum Denken per se, nicht in einem singulären Bereich, sondern in der Grundstruktur. (…) Der Intelligenzforscher Robert Sternberg spricht von mutwilliger Selbstverdummung. Ein Bildungssystem, das dies incentiviert, betreibt mutwillige Fremdverdummung.“

Das hätte dann im Kontext von Bildung gravierende Auswirkungen auf die Frage, was überhaupt vermittelt, wie gelehrt bzw. gelernt wird. Oder man stellt die Frage, ob man so grundlegenden Entscheidung von einer aktuellen Technologie und Wirtschaftsinteressen abhängig macht – und was die Alternativen sind.

>>> Download: Dr. phil. Ziad Mahayni (2026): „Wozu lernen, wenn KI schon alles weiß?“

Prof. Dr. phil. Ralf Lankau (Bild: D. Curticapen)
Prof. Dr. phil. Ralf Lankau (Bild: D. Curticapean)

Prof. Ralf Lankau, Bild Privat

Die Thesen von Ziad Mahayni

5. August 2026 von Ralf Lankau

Das Positionspapier (1), das FAZ-Interview (2) und das Video des Vortags von Prof. Dr. Ziad Mahayni im Rahmen der Ethikvorlesung (3) des Zentrum für ethische Fragen im 21. Jahrhundert (ZEF 21) kann man allen Lehrenden, aber auch Schülern, Studierenden und ihren Eltern empfehlen. Nicht, weil man seiner Argumentation in allen Aspekten folgen sollte, sondern weil Mahayni in aller Deutlichkeit ausformuliert, dass mit generativer KI (gen AI) aus kommerziellen und machtpolitischen Interessen Anwendungen auf dem Markt geworfen wurden, die den Menschen an seiner empfindlichsten Stelle ansprechen: seiner Bequemlichkeit und Trägheit und der möglichen Minimierung des eigenen Aufwands, um zu einem (zumindest vermeintlich gültigen) Ergebnis zu kommen.

Faulheit, Feigheit und Bequemlichkeit sind eine sowohl biologisch-genetische wie historische und soziale Konstante für Unmündigkeit. Warum sollte ich mich anstrengen, wenn ich ein Ziel auch ohne Anstrengung erreiche? Der deutsche Philosoph Immanuel Kant, und Vordenker der Aufklärung hat es 1784 in seiner Schrift „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ so formuliert:

„Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.“ (Kant, 1784; dazu Lankau 2015)

Andere denken und entscheiden für mich. Das Besondere der generativen KI sieht Mahayni nun darin, dass sie nicht nur ein Einzelwerkzeug ist, sondern ihrer Struktur und Funktion nach zum Universalwerkzeug erklärt wird: generative KI als das sprichwörtliche „Schweizer Messer“ in der Hosentasche.

„Ein Navigationssystem schwächt die räumliche Intelligenz, ein Smartphone das Zahlengedächtnis, der Taschenrechner das Kopfrechnen. Das sind belegbare Effekte, aber das sind Technologien mit engem Anwendungsbereich. KI hingegen ist eine Metatechnologie, deren Einsatzbereich praktisch keine Grenzen hat.“ (Mahayni, 2)

Die Überhöhung eines Geräts kennt man vom Smartphone, das über entsprechende Apps für alle möglichen Dienste eingesetzt wird. Generative KI geht aber noch einen Schritt weiter, indem z.B. bei Suchmaschinen nicht mehr mehrere Links zur weiteren Recherche oder Lektüre angezeigt werden, sondern als erstes eine KI-generierte Zusammenfassung – die den meisten Menschen als Antwort genügt. Nicht nur das Suchen und Entscheiden lässt sich der Mensch so abnehmen, sondern auch die Verantwortung für die richtige Antwort, das passende Ergebnis lässt sich so (vermeintlich) delegieren. Die „Schuld“ für Fehlentscheidungen haben dann andere. Ausgeblendet wird die völlige Intransparenz des Zustandekommens der Ergebnisse und die dadurch mögliche, vollständige Manipulation der Nutzer durch die Selektion der „Ergebnisse“.

Noch wichtiger für die Diskussion in Bildungseinrichtungen ist aber der langfristige Schaden dieser Bequemlichkeit, der sich im Begriff des „cognitive diminishment“ manifestiert, die nachgewiesene und vor allem dauerhafte kognitive Schwächung.

„KI untergräbt die Fähigkeit zum Denken per se, nicht in einem singulären Bereich, sondern in der Grundstruktur. (…) Der Intelligenzforscher Robert Sternberg spricht von mutwilliger Selbstverdummung. Ein Bildungssystem, das dies incentiviert, betreibt mutwillige Fremdverdummung.“ (Mahayni, 2)

Im Positionspapier fährt Mahayni in der Rubrik „Abbau des Denkens“ anschaulich aus:

„Arbeiten oder Lernen mit KI ist Outsourcing des Denkens an Maschinen. Zu glauben, dies sei ohne Rückwirkung auf das kognitive Vermögen des Menschen möglich, ist naiv. Bildlich ausgedrückt, es ist, wie wenn man in einem Fitnessstudio Gewichte mit einem Gabelstapler hebt. Das Ergebnis ist gut, in der Regel sogar besser, als wenn man selbst Hand anlegt – sofern man „Ergebnis“ als Output in der Einheit ‚gehobenes Gewicht‘ bemisst. Sollte ursprünglich jedoch das Ziel gewesen sein, seine körperliche Fitness zu steigern, ist nichts gewonnen, im Gegenteil: sie degeneriert.“ (Mahayni, 1, S. 3)

Prof. Joachim Bauer, Neurowissenschaftler, Facharzt und Psychotherapeut, formuliert in seinem Buch „Menschlichkeit in digitalen Zeiten“:

„Die Einführung von Künstlicher Intelligenz in Kitas, Schulen und Universitäten bedeutet, dass technisch hoch entwickelte, im Grund aber abgrundtief dumme Systeme wie ChatGPT, die nachplappern, womit sie gefüttert werden, potenziell hochbegabte junge Menschen davon abhalten, ihre eigene Intelligenz zu entwickeln. Das ist absurd.“ (Bauer 2026, S. 166)

Wr den Schuss jetzt immer noch nicht gehört hat, dem sei das Zitat von Sternberg nahegelegt:

„Der Intelligenzforscher Robert Sternberg spricht von mutwilliger Selbstverdummung. Ein Bildungssystem, das dies incentiviert, betreibt mutwillige Fremdverdummung.“ (Mahayni, 2)

Der gesamte Text von Ralf Lankau (7 Seiten, mit Quellen) als PDF: KI verändert das Leben, das Denken und das Lernen …

Weitere Informationen

Ralf Lankau / Peter Hensinger (2026): „Doof gebor’n wird keiner, doof wird man gemacht …“ Künstliche Intelligenz, Avatare, (Chat)Bots und Digitalpakte: Das ABC der Dehumanisierung von Schule und Unterricht

Peter Hensinger (2018): Die Ideologie der Digitalisierung. Auf dem Weg ins Digi-tal: Der Hype der digitalen Selbstentmündigung und einige Auswirkungen auf die Psyche