Jeannette Deckers „Schutzlos digital

Für eine sichere Kindheit in Zeiten von Social Media, KI, Games und Digitalisierungsdruck

Das Buch von Jeannette Deckers „Schutzlos digital: Für eine sichere Kindheit in Zeiten von Social Media, KI, Games und Digitalisierungsdruck | Warum ein Social-Media-Verbot nur der Anfang ist“ könnte in Deutschland die politische Stimmung drehen, so wie es vor drei Jahren Jonathan Haidt mit seinem Buch „Generation Angst“ weltweit gelang. Jeannette Deckers ist Lehrerin, Mutter von zwei Kindern und kennt die Studienlage zu den Auswirkungen digitaler Medien bestens. Sie hat eine Online-Petition initiiert, die sich ein Social-Media-Verbot für Unter-16-Jährige fordert, 165.000 Menschen haben bisher unterschrieben, sie kam in den Tagesthemen und erreichte eine Anhörung im Petitionsausschuss des Bundestages.
Titel: Knaur

„Es macht mich rasend!“

Jeannette Deckers verbindet im Buch ihre familiären, schulischen und gesellschaftlichen Erfahrungen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen wie noch keine Publikation zuvor. Sie beschreibt die vielfältigen katastrophalen Auswirkungen v.a. von Social Media und digitaler Bildung auf die psychische und körperliche Gesundheit in einer Dichte, die betroffen macht. Es ist kein Alarmismus, sondern die Beschreibung der Wirklichkeit. Und dabei geht sie hart mit der Bildungspolitik und deren bisherigen Debatten ohne wirkliche Konsequenzen ins Gericht:

„Das Wort „evidenzbasiert“ (=nachgewiesener Zusammenhang), das in Debatten über ein Social-Media-Verbot oft erwähnt wird, macht mich in diesem Zusammenhang rasend. Die Zusammenhänge sind offensichtlich – machen wir unsere Kinder in den nächsten Jahren nicht auch noch zu Objekten von Studien. Handeln wir stattdessen (S.16) … Schade, dass wir in Deutschland auf die Wissenschaft warten, anstatt im Sinne des Vorsorgeprinzips endlich zu handeln (S.32).“

„Wir ernten, was wir säen“

„Wir ernten, was wir säen“ (S.152) – damit meint Deckers die Tech-Konzerne und die Politiker, die in den letzten 20 Jahren den Weg für die Digitalisierung frei gemacht haben. Sie widerlegt die vielen Märchen von angeblichen Vorteilen, stattdessen hätten digitale Medien zu Sprachstörungen, motorischen Defiziten, sozialer Spaltung mit psychischen und gesellschaftspolitischen Auswirkungen geführt. Die Digitalisierung habe in der Bildung die Verdummung und den Leistungsabfall beschleunigt. Insbesondere die Ipad-Klassen und künstliche Intelligenz, die jetzt überall eingeführt werden, beschleunigten die negative Entwicklung:

„Je mehr in die Digitalisierung von Schulen investiert wird, desto schlechter scheinen die Leistungen der Schülerinnen und Schüler zu werden.“ (S. 199)

Es ist spannend, Deckers fundierte Analyse zu lesen, wie alle diese Schädigungen ineinandergreifen und zu Wesensveränderungen bei den Kindern führen, bis hin zu Suiziden.

Für uns als Bündnis für humane Bildung, die wir in unserem Netzwerk seit ca. 2015 diese Entwicklung prognostizierten und manchmal uns fragten, ob unsere Kritik in vielen Publikationen angesichts des immensen Lobbyaufwandes der Industrie eigentlich noch Bedeutung hat, ist dieses Buch eine Motivation. Denn Deckers bezieht sich durchgehend u.a. auch auf die Veröffentlichungen von Manfred Spitzer, Klaus Zierer, Ralf Lankau, Ingo Leipner und Peter Hensinger und bezeichnet den von uns initiierten Appell der 40 Wissenschaftler zum Stopp der Digitalisierung der Bildung als eine Initialzündung der Debatte in Deutschland:

„Die zunehmende kritische internationale Diskussion ist inzwischen auch in Deutschland angekommen. Auslöser war unter anderem eine Gruppe von 40 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die im November 2023 in einer Stellungnahme ein „Moratorium der Digitalisierung in Kitas und Schule“ forderte.“ (S.196, S.73)

Dieser Appell unseres Netzwerkes, dem 2025 ein zweiter Appell mit 75 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern folgte, richtete sich an Bildungsministerin Prien, die nicht antwortete. Umso schöner jetzt durch dieses Buch zu erfahren, dass wir damit kritische Lehrerinnen und Lehrer wie Frau Deckers erreichten und sie uns jetzt motiviert, die Kritik weiterzuführen. Jeannette Deckers entwickelt die Kritik weiter mit Alternativen, die aus der Sackgasse der Digitalisierung führen können:

  • Warum ein Smartphoneverbot kein Freiheitsentzug, sondern die notwendige Basis für eine gesunde Entwicklung ist. Das Verbot schützt und befreit die Kinder aus dem süchtigmachenden Netz, das die IT-Konzerne gesponnen haben. Und in den Schulen wird dadurch erst wieder eine produktive pädagogische Atmosphäre geschaffen.
  • Was ein Social-Media-Verbot, angeordnet von der Regierung, für Kinder und Jugendliche im Alltag und für Familien positiv bedeuten wird.
  • Wie Eltern dem immensen sozialen Druck standhalten können, das erste Smartphone immer früher kaufen zu sollen.

„Schutzlos digital“ liefert fundierte Argumente und Entscheidungshilfen für alle, die täglich mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Damit der Familienalltag entlastet und Eltern, Pädagogen und Mediziner sichere Entscheidungen treffen können, um Kinder und Jugendliche zu schützen und kompetent in die digitale Welt zu begleiten.

Rückblick: Desaster mit Ansage

Es begann 2007, mit der Markteinführung des Smartphones, mit einem Hype und dem Versprechen, das Smartphone und digitale Medien würden zu klugen Kindern und einem Königsweg aus der Bildungskatastrophe führen. Die Industrie gründete dutzende Lobbyorganisationen, die die angeblichen Segnungen anpriesen, Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher schulten. Gut bezahlte Medienpädagogen legitimierten dies mit Gefälligkeitsgutachten. Kritiker, die die Folgen prognostizierten, wurden diskriminiert. Prof. Manfred Spitzers frühe Prognosen negativer Folgen in seinem Buch „Digitale Demenz“ (2014) wurden als Alarmismus eines in der „Kreidezeit“ Verhafteten abgetan. Das Landesmedienzentrum Baden-Württemberg versuchte Prof. Manfred Spitzer zu widerlegen und sagte voraus: „Was Spitzer vorschlägt, wird eh nicht ernst genommen und wird garantiert nicht stattfinden – also Entwarnung.“

Doch es endete im vorausgesagten Desaster, inzwischen belegt durch hunderte Studien, Statistiken und Warnungen der Krankenkassen. Smartphone-Verbote und Altersbeschränkungen sind heute Topthema. Selbst Zeitungen, die bisher den Hype mitmachten, schwenken nun um. So brachten gleich mehrere Schweizer Zeitungen am 25.08.2026 ein Interview mit einer Expertin der Invalidenversicherung Mirijam Schlesinger, die drastische Worte fand:

„Ich befürchte, wir erzeugen eine ganze Generation von lebensuntauglichen Menschen, die wir für das Erwerbsleben verlieren werden. Junge Eltern hängen am Handy, anstatt mit den Kindern zu reden. Ich arbeite als Autismusfachperson an vier Schulen. Kleine Kinder können kaum mehr Deutsch sprechen, obwohl sie Schweizer Eltern haben. Dann rufen mich Kindergärtnerinnen an, sie bräuchten Hilfe wegen Autisten und ADHS. Häufig ist das eine Fehleinschätzung. Meine ersten zwei Fragen lauten: Wie viel Zeit verbringt dieses Kind an Geräten? Und wie viel wird zu Hause mit dem Kind gesprochen?“ Kinder würden normales Verhalten nicht mehr lernen: „Sie schauen nicht richtig in die Augen, kommunizieren kaum, verstehen Witz und Ironie nicht und zeigen kein normales, sozial geprägtes Spiel. All das fehlt ihnen, weil sie es nicht gelernt haben.“ (https://www.shn.ch/ueberregionales/schweiz/2026-08-26/autismus-expertin-warnt-wir-erzeugen-eine-ganze-generation-von)

Deckers belegt faktenbasiert diese das Kindeswohl gefährdenden Auswirkungen der Digitalisierung:

  • Streit in Familien um Bildschirmzeit, Cybermobbing und psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen: Wir haben die Kontrolle über die digitale Kindheit verloren.
  • Doch dieses Problem betrifft nicht nur Familien, sondern hat weitreichende Folgen für die Bildung unserer Kinder, die ganze Gesellschaft und die Zukunft der Demokratie.
  • Für Eltern und Lehrkräfte stellt der Kampf ums Smartphone, um Social Media und KI eine tägliche Zerreißprobe dar.
  • Denn unregulierter Medienkonsum führt zu Lernschwierigkeiten, Einsamkeit und steigender Gewaltbereitschaft.

Nicht warten, selbst handeln!

Doch Eltern, Kitas und Schulen müssten jetzt selbst handeln, denn in Deutschland, so kritisiert Deckers, zerredet die Politik immer noch die Problematik:

„Anstatt endlich den Tatsachen ins Auge zu sehen und die Digitalisierung der Bildung infrage zu stellen, wie es andere Länder längst tun, wird in Deutschland weiter auf den Ausbau der Digitalisierung der Bildung gesetzt (vg.. „Digitalpakt“). Ich empfinde das als verantwortungslos und frage mich, wer da die Hände im Spiel hat – etwa Digital-Lobbyisten?“ (S.204)

Die Elterninitiativen „Smarter Start ab 14“, Beschlüsse für Smartphoneverbote wie an der GHS Zülpich zeigen, wo es lang gehen muss. Jeannette Deckers kritisierte auch als eine der ersten den Eiertanz der Prien-Kommission, die durch die Hintertür die Digitalisierung ab der Grundschule empfiehlt:

„Die Tech-Unternehmen haben heute genau das erreicht, was sie wollten: keine höhere Altersgrenze, aber die Empfehlung, die EUDI-Wallet zum Einsatz zu bringen, die ihnen noch mehr Daten liefern würde. Musk und Zuckerberg haben jeden Grund, heute die Korken knallen zu lassen. Sie lachen doch über unsere deutschen Diskussionen über Teilhabe und Medienkompetenz.“ (https://www.diagnose-funk.org/aktuelles/artikel-archiv/detail?newsid=2378)

Jeannette Deckers appelliert eindringlich, Kinder und Jugendliche nicht weiter mit Inhalten und Erfahrungen in Berührung kommen zu lassen, die sie entwicklungsbedingt noch gar nicht verarbeiten können („Rauch mal verantwortungsvoll“, S. 208) und sie schließt mit dem Appell:

„Ich hoffe, dass wir Kindern ihre Kindheit zurückgeben – und dass wir auch den Digitalisierungswahn an Schulen zurückfahren können. Wir sollten es nicht weiter hinnehmen, dass die kommenden Generationen zunehmend mental und körperlich krank, ungebildeter und unkritischer werden. Das kann doch nicht im Interesse von Gesellschaft, Politik und Staat sein.“ (S.216)

Dieses Buch sollte in Elternbeiratsgremien und Lehrerkonferenzen besprochen werden, und wer Kontakte hat, sollte es an Politiker verleihen mit der Bitte um eine Antwort.

Link zum Knaur-Verlag:

Jeannette Deckers: Schutzlos digital. Für eine sichere Kindheit in Zeiten von Social Media, KI, Games und Digitalisierungsdruck | Warum ein Social-Media-Verbot nur der Anfang ist