Bundesregierung folgt der IT-Branche – die Kritik wächst
Kommentar zur Vorstellung der Handlungsempfehlungen „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“.
Von Peter Hensinger (Kurzversion)
Am 11.09.2026 stellte Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) zusammen mit Mitgliedern der Kommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ deren Empfehlungen vor. Die FAZ titelt: „Erst KI-Seepferdchen, dann Altersgrenze“ (12.09.26) und bringt es auf den Punkt: Durch die Hintertüre wird die Digitalisierung durchgesetzt und werden die Interessen der IT-Konzerne bedient, alles scheinkritisch bemäntelt.

Die Autorin des Buches „Schutzlos digital“ Jeannette Deckers schreibt zum Ergebnis der Vorstellung der Handlungsempfehlungen „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ :
„Der heute präsentierte Abschlussbericht der Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ und die Empfehlung, eine Altersgrenze für soziale Medien allerhöchstens bei 13 Jahren einzuführen, sind keine guten Aussichten für den Schutz von Kindern und Jugendlichen in Deutschland.“ (s.u.)
Die Vorstellung wurde Live übertragen (anzusehen hier: https://www.youtube.com/live/SfSICsmFeek ). Die Kommission erkennt zwar zahlreiche Risiken der Digitalisierung an, stellt aber das Paradigma der frühen digitalen Befähigung selbst nicht grundsätzlich infrage. Genau darin liegt der entscheidende pädagogische Konflikt. Die Frage ist, ob und ab welchem Entwicklungsalter digitale und KI-basierte Systeme überhaupt Bestandteil des Lernprozesses sein sollten. Die Differenzen darüber, die es in der Kommission gab, wurden zerredet. Prof. Klaus Zierer, selbst Kommissionsmitglied, war nicht bei der Präsentation dabei, legte aber am 11.07.2026 die grundlegenden Differenzen in dem Interview »Ein KI-Seepferdchen ist für mich nicht nur Zeitverschwendung, sondern sogar ein Vergehen an der Bildung der Kinder« offen:
„Den Vorschlag zur Altersbeschränkung von sozialen Medien, den Umgang mit den Smartphones und digitalen Endgeräten sowie den Einsatz von KI in der Schule sehe ich anders. Hier hatte und habe ich eine dezidiert andere Meinung … In jedem Fall fehlt es in der Bildungspolitik, in der Kommission und in der Pädagogik schon länger an einer humanen Betrachtungsweise. Wir sind seit dem ersten PISA Schock nur noch rechnend unterwegs und vergessen dabei, dass der Mensch nicht nur aus Zahlen besteht.“ (Zierer im Interview)
Prof. Klaus Zierer wies schon in seiner Metastudie von 2021 die negativen Auswirkungen digitaler Medien auf das Lernen nach und forderte in der Kommission ein begleitetes Smartphoneverbot bis 16 und die Rücknahme der Digitalisierung an den Schulen. Er war 2023 Mitinitiator des Appells der 40 Experten und dann 2025 des Appells der 75 Experten für eine pädagogische Wende, raus aus der Bildungskatastrophe. Die Bundesregierung und offensichtlich nun auch die Kommissionsmehrheit übten sich gegenüber seinen Alternativen in Ignoranz. Ministerin Prien spricht sich für ein Verbot bis 13 aus, was die AGBs der meisten Anwendungen eh schon enthalten, und will mit dem KI-Seepferdchen bereits ab der Grundschule digitalisieren. (…)
„In jedem Fall fehlt es in der Bildungspolitik, in der Kommission und in der Pädagogik schon länger an einer humanen Betrachtungsweise. Wir sind seit dem ersten PISA Schock nur noch rechnend unterwegs und vergessen dabei, dass der Mensch nicht nur aus Zahlen besteht.“ (Zierer im Interview; PDF-Datei)
Eine ausführliche Version des Kommentars von Peter Hensinger finden Sie auf der Website von diagnose funk:
„Erst KI-Seepferdchen, dann Altersgrenze“ – Bundesregierung folgt der IT-Branche – die Kritik wächst
Zur Vorstellung der Handlungsempfehlungen „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“