Bundesregierung beschließt Eckpunktepapier: Jetzt kommt das KI-Seepferdchen!

Ministerin Prien und die organisierte Naivität

„Wir waren zu naiv!“


Ministerin Prien, Bild Bundesregierung,Jesco Denzel

Bundesbildungsministerin Karin Prien hat zu Smartphones und Social Media eine bemerkenswerte Entdeckung gemacht:„In Wahrheit haben wir es mit einem großen Menschheitsversuch zu tun. Wir nutzen seit knapp 20 Jahren Smartphones, eine sich schnell verändernde Technologie, ohne eine Risikofolgenabschätzung zu machen. Generell glaube ich: Wir waren zu naiv“ (Stuttgarter Zeitung 22.09.2026).

 

Von Peter Hensinger

Donnerwetter! Nach 15 Jahren Digitalisierungseuphorie, nach zunehmenden Konzentrationsproblemen, PISA-Abstürzen, Mediensucht und psychischen Belastungen bei Kindern fällt der Bundesregierung auf: Da könnte etwas schiefgelaufen sein. Dabei hatten die Wissenschaftler des Bündnisses für humane Bildung wie Manfred Spitzer, Michaela Glöckler, Gertraud Teuchert-Noodt, Paula Bleckmann, Ralf Lankau, Edwin Hübner, Ingo Leipner und Peter Hensinger in dutzenden Publikationen vor den Folgen seit Jahren gewarnt [1]. Doch die Politik hörte lieber auf die Digitalindustrie. Die Digitalindustrie lieferte die Geräte – die Politik die Kinder. Drittmittelgeschwängerte Medienpädagogen durften hinterher mit Gefälligkeitsgutachten erklären, was daran eigentlich Bildung sein sollte.

Nun wird die Naivität zur höheren Staatskunst

Am 14. Oktober 2026 beschloss das Bundeskabinett „Eckpunkte der Bundesregierung zum Kinder- und Jugendmedienschutz“. Soziale Medien sollen für unter 13-Jährige grundsätzlich verboten werden. Nichts Neues, das beinhalten die AGBs schon immer. Die Tagesschau schreibt:

„Das Papier sieht unter anderem vor, auf nationaler Ebene eine Altersgrenze von 13 Jahren für Plattformen wie TikTok, Snapchat oder Instagram festzulegen. Nur nachweislich kindgerechte Angebote sollen ausgenommen werden. Für Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren sind abgestufte Einschränkungen geplant. Ähnlich den EU-Plänen sollen Jugendliche zudem ab 13 Jahren „Mini-Konten“ nutzen dürfen, die von den Eltern eingerichtet und beaufsichtigt werden. Diese sollen nur begrenzte Funktionen haben und ihre Nutzung auf eine Stunde pro Tag beschränkt sein.“

Also kein Verbot bis 16 und lauter Schlupflöcher – die Droge Smartphone kann häppchenweise verabreicht werden. Aber es kommt noch „naiver“!

Bei der IT-Branche knallen die Sektkorken: Geschäftsfeld KI ab der Grundschule

Ab der Grundschule, so das Eckpunktepapier, soll mit KI gearbeitet werden, und dazu braucht es natürlich ein Tablet oder Smartphone. Mit dem „KI-Seepferdchen“ soll ein bundesweites KI-Bildungsangebot für Grundschüler entwickelt werden. Selbstverständlich „pädagogisch sinnvoll“, „datensparsam“ und „auf Nachhaltigkeit“ angelegt. So steht es im Regierungspapier (S. 5). Bei der IT-Branche knallen die Sektkorken.

Das KI-Seepferdchen ist der Türöffner für die Frühdigitalisierung. Der Ordinarius für Schulpädagogik Prof. Klaus Zierer (Univ. Augsburg), Mitglied in der Prien-Kommission, kritisiert im Interview scharf:

„Ein KI-Seepferdchen ist für mich daher nicht nur Zeitverschwendung, sondern sogar ein Vergehen an der Bildung der Kinder.“

Das ist die eigentliche Pointe: Kaum hat die Politik ihre Naivität beim Smartphone entdeckt, organisiert sie die nächste – diesmal auf höherer Stufe. Nun will man zwar Kinder vor den Folgen von Smartphones und Social Media schützen, die man ihnen bedenkenlos zugemutet hatte. Aber man will sie möglichst früh an die nächste Technik gewöhnen, die ihnen diesmal das Denken abgewöhnt.

Die Folgen könnten gravierender sein als beim Smartphone. Denn KI beansprucht nicht nur die Aufmerksamkeit der Kinder. Sie kann ihnen das Denken selbst abnehmen. Wer Antworten erhält, bevor er gelernt hat, Fragen zu durchdringen, wer Texte erzeugt, bevor er selbst schreiben kann, und Lösungen bekommt, bevor er Probleme verstanden hat, läuft Gefahr, geistige Selbstständigkeit gar nicht ausreichend zu entwickeln. Langzeitstudien an Schülern fehlen noch. Es vollzieht sich, was Ulrich Beck in seinem Buch „Weltrisikogesellschaft“ (2007) beschreibt:

„Die herrschenden Definitionsverhältnisse weisen den Technik- und Naturwissenschaften eine Monopolstellung zu: Sie (und zwar der Mainstream, nicht Gegenexperten und Alternativwissenschaftler) entscheiden ohne Beteiligung der Öffentlichkeit, was angesichts drohender Unsicherheiten und Gefahren tolerierbar ist und was nicht. … Man hat es nicht mehr mit der Abfolge: erst Labor, dann Anwendung zu tun. Stattdessen kommt die Überprüfung nach der Umsetzung, die Herstellung vor der Forschung. Das Dilemma, in das die Großgefahren die wissenschaftliche Logik gestürzt haben, gilt durchgängig: Die Wissenschaft schwebt blind über der Grenze der Gefahren.“ (S. 73ff)

„Werden wir immer dümmer?“, fragte die ZEIT und stellt fest: Seit dem Siegeszug des Smartphones gehen zentrale geistige Fähigkeiten zurück. Die Bundesregierung geht diesen Weg weiter, und keine Bundestagsopposition kritisiert das. Im Gegenteil, ob GRÜN, LINKS oder RECHTS, sie sprechen sich gegen Verbote aus, weil sie von der TikToKisierung der Politik und Wahlkämpfe profitieren.

Vier aktuelle Bücher, die die Folgen von Künstlicher Intelligenz untersuchen. Mühlhoff und Misik führen die gesellschaftspolitische Dimension der Indoktrination durch Social Media vor Augen. (Titel: Verlage)

937 Studien – Bundesregierung weiß von nichts!

Dabei liegen die Warnungen längst auf dem Tisch. Der Informatikwissenschaftler Octavian-Mihai Machidon beschrieb im Artikel „Generative AI and childhood education: lessons from the smartphone generation“ (2025) die Gefahr einer intellektuellen Entqualifizierung durch generative KI. Wenn Maschinen zunehmend das Erinnern, Formulieren, Problemlösen und Nachdenken übernehmen, können Kinder gerade jene Fähigkeiten nicht entwickeln, die Bildung eigentlich hervorbringen soll. Machidon empfiehlt deshalb KI-freie Schulen bis zum Alter von 14 Jahren.

Die Forschungsübersicht „A Scoping Review of the Negative Effects of Digital Technology on Cognition“ von Žnidarič, Štrumbelj und Machidon aus dem Jahr 2026 untersucht 937 wissenschaftliche Arbeiten zu negativen kognitiven Auswirkungen digitaler Technologien. Sie beschreibt das gesamte Schädigungspotential und ein beunruhigendes Paradox: Digitale Werkzeuge können kurzfristig die Leistung steigern, während die langfristige Fähigkeit zum eigenständigen Denken darunter leidet.

Auch der Ethikprofessor Ziad Mahayni (KIT Karlsuhe) beschreibt im Artikel „Wozu lernen, wenn KI alles weiß?“ die Gefahr einer kognitiven Entqualifizierung: Wenn KI das Formulieren, Erinnern und Problemlösen übernimmt, werden genau jene geistigen Fähigkeiten weniger trainiert, die Bildung entwickeln soll. Er vergleicht das mit einem Fitnessstudio, in dem ein Gabelstapler die Gewichte hebt. Das Ergebnis stimmt. Nur die Muskeln wachsen nicht.
Die Langzeitfolgen generativer KI sind noch nicht ausreichend erforscht. Das müsste eigentlich Anlass zu besonderer Vorsicht sein. Aber Vorsicht ist offenbar keine Kategorie deutscher Bildungspolitik. Dort gilt weiterhin: Was technisch möglich und vor allem wirtschaftlich vielversprechend ist, muss pädagogisch wertvoll sein.

Der Seepferdchen Fauxpas

Mit der Seepferdchen-Verniedlichung soll nun die KI durchgesetzt werden. Das KI-Seepferdchen ist ein peinlicher Fauxpas. Der Hippocampus, Steuerzentrale unseres Lernens im Gehirn, ist nach dem Seepferdchen (lat. Hippocampus) benannt. Soll der Hippocampus jetzt durch die Prothese KI-Seepferdchen ersetzt werden? Warum noch denken, wenn die KI das übernimmt?  Künstliche ersetzt natürliche Intelligenz! Die Lobbyarbeit für die Durchsetzung der KI an Erziehungseinrichtungen koordinierte Bertelsmann zusammen mit Beamten aus Bildungsministerien. Das haben wir im Artikel „Digitale Bildung: Eine außergewöhnliche Allianz – Bertelsmann und 11 Ministeriale“ aufgedeckt.

Grafiken: Netzwerk Handyfreie Schulen Grafiken der österreichischen Initiative NETZWERK HANDYFREIE SCHULE

Use it or loose it!

Das menschliche Gehirn reift durch eigenes Tun, Üben, Scheitern und Verstehen. Use it or loose it, lautet eine Grundregel der Neurobiologie (siehe dazu: Dr. Keren Grafen (2025): Auswirkungen einer digitalisierten Kindheit auf die kognitive und emotionale Reifung des Gehirns). Doch ausgerechnet in dieser empfindlichen Entwicklungsphase soll nun KI-Kompetenz eingeübt werden, bevor grundlegende Lese-, Schreib- und Denkfähigkeiten gefestigt sind.
Natürlich kann man Kindern erklären, was KI ist und welche Gefahren sie birgt – auch ohne sie frühzeitig zu Nutzern zu machen. Aber warum steht nicht zuerst die Frage im Mittelpunkt, ob der KI-Einsatz die geistige Entwicklung fördert oder behindert?

Die Kritik, die das Bündnis für humane Bildung an den Empfehlungen der Prien-Kommission übte, trifft auf das Eckpunkte-Papier, das die Empfehlungen umsetzt, zu. Den Elterninitiativen wie „Smarter Start ab 14“ oder das NETZWERK HANDYFREIE SCHULE (Österreich) können ihre Arbeit nicht einstellen! Im Gegenteil! Viele Eltern, wissen, was man tun müsste. Analog vor digital – das geht. Viele Schulen übernehmen die Alternativen, z.B. die Präventionsprogramme für Kindertagesstätten und Grundschulen der Organisation ECHT DABEI, gefördert von der BKK.

Abiturienten, die komplexe Texte nicht mehr verstehen, Azubis ohne Grundfertigkeiten in Lesen, Rechnen und Schreiben – die IHK Region Stuttgart schlägt Alarm (Stuttgarter Zeitung 15.10.2026) (Faksimile Stuttgarter Zeitung)

Eine neue Maßeinheit politischer Verantwortung: ein Prien

Vielleicht brauchen wir eine neue Maßeinheit politischer Verantwortung: ein Prien. Sie bezeichnet die Fähigkeit, wissenschaftliche Warnungen so lange zu übersehen, bis die gesellschaftlichen Schäden politisch nicht mehr zu übersehen sind. Und vielleicht sollte eine Presseerklärung für 2040 schon heute vorbereitet werden: Die Bundesregierung bedauert, bei der Einführung von KI in Grundschulen etwas naiv gewesen zu sein. Man habe nicht vorhersehen können, dass Kinder eigenständiges Denken erst entwickeln müssen, bevor sie es an Maschinen delegieren. Man werde nun eine Expertenkommission einsetzen. Selbstverständlich unter Beteiligung der KI-Industrie.

Denn eines hat die deutsche Bildungspolitik offenbar zuverlässig gelernt: Nicht aus Fehlern lernen, sondern sie mit der jeweils neuesten Technologie wiederholen.

Gibt es auch Positives im Beschluss der Bundesregierung? Ja, verbal verabschiedet man sich vom Hype um die Segnungen der digitalen Medien für Kinder, wie sie mit den Digitalpakten Schule propagiert wurden. Eine „bundesweite Informations- und Sensibilisierungskampagne“ mit der Zielgruppe Eltern und Kinder im Vorschulalter soll sofort gestartet werden. Einerseits positiv, aber die Verantwortung wird auf Eltern abgewälzt, statt ihnen den Rücken mit klaren Verboten zu stärken. In den ärztlichen Früherkennungsuntersuchungen für Kinder soll abrechenbar über Risiken von digitalem Medienkonsum aufgeklärt werden. Das alles wird konterkariert durch das KI-Seepferdchen und einen Verzicht auf Verbote.

Wissenschaftler fordern pädagogische Wende – raus aus der Bildungskatastrophe

Die Digitalisierung der Erziehungseinrichtungen ist eingebettet in die Gesamtstrategie der Bundesregierung. „Deutschland soll KI-Nation werden!“, so Bundeskanzler Friedrich Merz. Die im Koalitionsvertrag festlegte Digital-Only-Gesellschaft fußt auf dem gläsernen Bürger. Seine Daten sollen bereits mit der Schüler ID-erfasst werden, die dann in die Bürger-ID übergeht. Das angestrebte autonome, von Algorithmen gesteuerte Lernen mit Tablets ist als Ziel festgelegt. Bedürftige Schüler sollen, so der Koalitionsvertrag, Tablets kostenlos bekommen.

Das dient nicht nur der Einsparung von Lehrern, sondern v.a. zur politischen Steuerung und Kontrolle der Gesellschaft (s.dazu unsere Analyse des Koalitionsvertrages). Die „Eckpunkte der Bundesregierung zum Kinder- und Jugendmedienschutz“ sind Teil dieser Politik. Sie sind Ergebnis einer neoliberalen Pädagogik und Schulpolitik, deren theoretische Grundlagen und Zielsetzungen in Interviews von Prof. Zierer und Prof. Lankau analysiert und kritisiert werden (s.u.). In der Stellungnahme des Bündnisses für humane Bildung zu den Vorschlägen der Prien-Kommission, Grundlage der Eckpunkte, heißt es:

„Während immer mehr Länder die Digitalisierung von Kita und Schule rückgängig machen, legitimiert das Papier der Expertenkommission die Digitalisierung bereits ab der Kita und bedient damit die Geschäftsmodelle der IT-Branche … Doch um aus der Bildungskatastrophe herauszukommen, ist ein Bruch mit der Ökonomisierung der Bildung notwendig. Daher fordert das Bündnis für humane Bildung eine „pädagogische Wende“, die Rückbesinnung auf die Allgemeine Pädagogik, die sich am Menschen als sozialem Wesen ausrichtet, das sich nur in einer sozialen Gemeinschaft entwickelt.“

Allerdings: Die vom Kabinett verabschiedeten Eckpunkte sind noch kein konkretes Gesetzesvorhaben, sondern zunächst eine Absichtserklärung, alles unter Haushaltsvorbehalt. Damit ist offen, wann die Beschränkungen in Kraft treten sollen. Man hat also die Absicht, die Jugend irgendwann vor dem „großen Menschheitsversuch“ (Prien) zu schützen. Und dazu will man warten, bis sich 27 EU-Länder einigen.

Hintergrundinformationen zum Eckpunktepapier der Bundesregierung

„Erst KI-Seepferdchen, dann Altersgrenze“ – Bundesregierung folgt der IT-Branche – die Kritik wächst. Zur Vorstellung der Handlungsempfehlungen „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“

Bündnis für humane Bildung (2026): Expertenkommission Kinder und digitale Medien. Erstaunliche Diskrepanz zwischen Erkenntnis und Folgerung. Eine Grundsatzkritik an der industrieorientierten Bildungspolitik.

Prof. Dr. Ziad Mahayni (2026): Wozu lernen, wenn KI alles weiß?

Prof. Dr. Klaus Zierer: Interview: »Ein KI-Seepferdchen ist für mich nicht nur Zeitverschwendung, sondern sogar ein Vergehen an der Bildung der Kinder«

Prof. Dr.Ralf Lankau / Peter Hensinger: KI in der Schule: „Doof gebor’n wird keiner, doof wird man gemacht …“ Künstliche Intelligenz, Avatare, (Chat)Bots und Digitalpakte: Das ABC der Dehumanisierung von Schule und Unterricht

Prof. Dr. Ralf Lankau: Interview: Schüler-ID, Bildungs-TÜV und das falsche Menschenbild. Auf dem Weg zur Konditionierungsanstalt in einer Schule ohne Lehrer.

Prof. Dr. Ralf Lankau: Verkehrte Welt. Widersinnige Handlungsempfehlungen der Expertenkommission. Von widersinnig bis irrsinnig, ein Kniefall vor den Techkonzernen

Prof. Dr. Gertraud Teuchert-Noodt: Offener Brief an Ministerin Prien: „Digitale Medien sind Hirnkiller. Sie haben in der gesamten Kindes- und Jugendentwicklung nichts zu suchen.“ Prof. G. Teuchert-Noodt kritisiert Gutachten der Expertenkommission „Kinder und Jugendschutz in der digitalen Welt“

Interview mit der Neurobiologin Dr. Keren Grafen: „Es ist höchste Zeit, dass die negativen Auswirkungen von Hochfrequenz-EMF auf die Gehirnentwicklung von Kindern und Jugendlichen ernst genommen werden!“

Norwegische Studie: Handschrift, aber nicht Tippen, führt zur Konnektivität im Gehirn: eine EEG-Studie mit Implikationen für den Unterricht. Ein Argument, warum Tablets in KiTa und Schule nichts zu suchen haben.

diagnose:funk Artikelserie: Studien weisen nach: Die Digitalisierung ist ein wesentlicher Faktor der Krise im Bildungswesen