Das digitale Korsett oder: Über Wissen, Bildung und Künstliche Intelligenz

Von Birgit Spies.

Da ist sie auch im Bildungsbereich angekommen: Die (generative) Künstliche Intelligenz (KI), der Heilsbringer mit dessen Hilfe endlich alle Probleme rund um Lernen und Wissenserwerb gelöst werden können: schnell, effizient und ohne großen geistigen Aufwand! Denn: „Es geht darum, das Lernen persönlicher und effektiver zu gestalten, Lehrkräfte zu entlasten und den Verwaltungsaufwand zu reduzieren.“ Personalisierte Lernansätze verbessern die Lernergebnisse und KI-generierte maßgeschneiderte Lernpläne unterstützen den Einzelnen optimal.

Automatisierte Bewertungssysteme sparen Korrekturzeit, Chatbots und virtuelle Lehrassistenten beantworten Fragen und fördern die Interaktionen usw. usf.1. Wer könnte sich dieser schönen neuen Welt schon entziehen? Wer könnte ihr gar kritische Gedanken über den Kern von Lernen, Wissen und Bildung entgegenhalten?

Mein Gehirn gähnt müde und gelangweilt vor sich hin, als es die o.g. Aussagen zu KI in der Bildung liest: Das alles war doch schon einmal da; die Formulierungen kommen mir bekannt vor; das Marketing beherrscht sein Handwerk. Als in den 1990er Jahren das Internet das Lernen und die Bildung „revolutionierte“, als ab den 2010er Jahren die politisch verordnete und inzwischen gescheiterte 2 Digitalisierung die Schulen eroberte – stets waren die Verheißungen dieselben: Lernprozesse werden durch digitale Möglichkeiten effizienter, individuell zugeschnitten, Lernerfolge messbar – und es bleibt mehr Zeit für das Wesentliche. Doch was ist das Wesentliche? Was ist das Wesen von Bildung, Lernen und Wissenserwerb?

Wissen existiert nicht unabhängig vom Menschen. Es lässt sich nicht in Clouds up- und wieder downloaden. Es ist nicht per Schnittstelle von einem Gehirn auf das andere übertragbar. Wissen ist stets an den Menschen gebunden. Es ist das zuvor Erfahrene, Erlebte, Gelernte und Angewendete, welches das Wissen – und im besten Fall Bildung – ausmacht. Die Verengung des Wissensbegriffs auf Informationen und „die schon lange vor der Verbreitung generativer KI begonnene Disqualifizierung des Wissens“ 3 ist jedoch äußerst nützlich, sofern Wissen in Datenbanken gemanagt, bilanziert und ökonomisch verwertbar gemacht und sofern mittels Sprachmodellen scheinbar neues Wissen geschaffen werden soll, um dann wiederum Arbeits- und Lernprozesse zu beschleunigen.

Wissenserwerb ist ein langer und so manches Mal mühsamer Prozess. Diese Mühsal kann man durchaus als Lernen bezeichnen. Sie geht einher mit Erkenntnis, gelegentlich mit Freude und Frustrationen, auf jeden Fall aber mit Anstrengung. Es ist nicht die Antwort, die den Wert ausmacht, sondern es sind der Weg und die Anstrengung, die man auf sich nehmen musste, um zu einer Antwort, um zu Wissen zu gelangen. Auf diesem Weg hat unser Gehirn den Körper unter anderem mit großen Mengen Dopamin geflutet, was uns innerlich stärkt und stolz auf das Erreichte sein lässt. Lernen ist eine Selbstwirksamkeitserfahrung par excellence. Jeder Lernschritt, jede scheinbar noch so unbedeutende Erkenntnis lassen uns als Menschen, als Persönlichkeit wachsen. Werden diese Schritte übersprungen, skillskipping genannt, gehen wir direkt zum Ziel, weil uns Technik, Maschinen, generative KI diese Arbeit abnehmen, dann sind wir nur digital-technisch hochgerüstete „Rumpfmenschen“, die sich ohne Digitales nicht mehr orientieren können, die ohne Technik ihr Leben nicht mehr meistern können, die den von fragwürdigen Sprachmaschinen ausgespuckten Text in neue Formen gießen und im Zweifelsfalle nicht um die Bedeutung dessen wissen – Menschen, die Beziehungen und eigenes Denken digital-technischer Logik unterwerfen und damit selbst ein Teil dieser werden.

Wissenserwerb und Bildung – als kritisch-reflexive Erschließung von Welt– sind immer auch Arbeit an sich selbst – als Mensch und als Teil einer Gemeinschaft. Bleibt das aus, dann bedeutet dies geistigen – und am Ende auch wirtschaftlichen – Stillstand. Um sich Wissen aneignen und die Welt geistig erschließen zu können, benötigen wir – neben kulturellem Wissen und Menschen, denen wir wichtig sind – wahre, zuverlässige Informationen. Genau daran lässt sich derzeit in höchstem Maße zweifeln. Bereits heute wird vermutet, dass ungefähr die Hälfte der Inhalte im Internet falsch ist, wie die Arte-Dokumentation „Tod des Internets“ eindrücklich zeigte 4. KI-Slops, d.h. falsche und sinnlose, mittels generativer KI erzeugte Inhalte, überschwemmen das Netz und lassen es, forciert von Tech-Unternehmen, zu einer digitalen Müllhalde werden – und unsere Köpfe gleich mit. Längst ist von AI-Pollution oder KI-Verschmutzung die Rede. Viele Studien zeigen die Unzulänglichkeiten (generativer) KI deutlich auf 5, dennoch werden die ewig Morgigen 6 nicht müde, deren Einsatz im Bildungsbereich und die Abschaffung der (mühseligen) Prüfungen zu fordern und – längst überfällig – endlich das Lernen und die Schule zu revolutionieren, denn die Probleme sind ja unübersehbar.

Die Nutzung von (generativer) KI im Lernprozess erfordert Wissen – solide aufgebautes, erprobtes und verlässliches Wissen. Nur, wenn ich mehr über den Lerngegenstand weiß als mir eine Sprachmaschine auswirft, kann ich einordnen, ob die generierten Texte sinnvoll, wahr und hilfreich sind. Lernenden zu suggerieren, (generative) KI wäre ein legitimes Mittel bei der Erschließung von Wissen, ist in etwa so, als ob man Grundschülern einen Taschenrechner gibt, noch bevor sie Zahlen schreiben und den Zahlenraum erfassen können, noch bevor sie die Grundrechenarten beherrschen. Nun höre ich schon die Technikverliebten protestieren: Aber als Lerncoach und für individuelles Lernen sind digital-technische Anwendungen unverzichtbar! (Für weitere Argumente blättern Sie gern zum Textanfang zurück.)

Sind die Probleme im Bildungswesen möglicherweise auch dadurch entstanden, dass der Lehrer, seiner fachlichen Vorbildrolle beraubt, zum Coach oder Lernbegleiter degradiert worden ist? Dass unsere Kinder, Jugendlichen und Studenten seit mehr als 20 Jahren Kompetenzen statt Wissen erwerben, es beispielsweise nur noch auf Lesekompetenz statt auf (Lese-)Inhalte ankommt? Frei nach dem Motto: Es muss ja nicht immer Goethes Faust sein, eine Bedienungsanleitung tut es ja auch. Dass die euphorisch betriebene Digitalisierung die Schulen zwangen, sich vom gemeinschaftlichen Lernen und der Idee von Bildung abzuwenden und Digital-Technisches über Pädagogik und Didaktik zu stellen? Dass sich Schulen und Universitäten nun dem Wettbewerb aussetzen und damit den Gesetzen der Wirtschaftlichkeit unterwerfen mussten? Viele weitere Gedanken ließen sich anschließen.

Seit Jahren machen wir es uns in der digitalen Hängematte gemütlich, wie sich an den Statistiken zum Medienkonsum und sinkenden Lernleistungen ablesen lässt. Nun schnallen wir uns das digitale Korsett um, mit dessen Hilfe wir souverän alle Situationen des Lebens meistern können – es zählt das Ergebnis, nicht der Aufwand, nicht der Weg, nicht der Verstand. Die geistige und körperliche Einengung des digitalen Korsetts nimmt uns wahrlich die Luft zu atmen. Die Lebendigkeit des Geistes wird auf bereits Vorgedachtes oder Ausgedachtes reduziert und lediglich in neuer Form angeboten. Die Unbändigkeit des Körpers wird digital vermessen und bewertet, um unser Leben, unseren Schlaf, unsere Ernährung u.a.m. daran auszurichten.

Es ist längst überfällig, gedanklich ein paar Schritte zurückzutreten und z.B. mit den Methoden der Risikoforschung zu entscheiden, in welchen Bereichen unseres Lebens wir digital-technische Hilfe guten Gewissens annehmen können und in welchen Bereichen wir bewusst darauf verzichten wollen, weil uns das Menschsein, die geistige und körperliche Entwicklung von Heranwachsenden und ein gesundes und kooperatives Miteinander in der Gesellschaft wichtig sind; weil uns Wahrheit wichtig ist und Bildung nichts weniger als geistige Selbstermächtigung bedeutet 7. Und genau das verleiht ihr die revolutionäre Macht, die nötig ist, um das eigene Leben und Gesellschaften zu verändern.

Ein Beitrag von Birgit Spies


Letzte Aktualisierung: 06.02.2026

Quellen:

  1. KI-Magazin (2024). Künstliche Intelligenz in der Bildung einsetzen. Verfügbar unter: https://www.das-ki-magazin.de/artikel/kunstliche-intelligenz-im-bereich-bildung-einsetzen.html[]
  2. BRH – Bundesrechnungshof (2022). Bericht an den Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages nach § 88 Abs. 2 BHO über die Prüfung länderübergreifender Maßnahmen im Zusammenhang mit dem „DigitalPakt Schule“. S. 8. Verfügbar unter: https://www.bundesrechnungshof.de/SharedDocs/Downloads/DE/Berichte/2022/massnahmen-digitalpakt-schule-volltext.pdf?__blob=publicationFile&v=1[]
  3. Reinmann, G. (2025). Generative KI in Studium und Lehre: Die Bedeutung fachlichen Wissens für kritisches Denken. In: Dittler, U. & Kreidl, C. (in Druck). Fragen an die Hochschuldidaktik der Zukunft.Schäffer-Poeschel. Preprint. S. 2.[]
  4. BR (2025). Macht KI das Netz kaputt. Verfügbar unter: https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zuendfunk/rezension-tod-des-internets-slop-marius-sixtus-100.html[]
  5. Anand, S., Spies, B. (2025). Grenzen generativer KI-Textproduktion im Lichte wissenschaftlicher Qualitätskriterien. In Bildung-Mensch-Medien 2025. Verfügbar unter: https://bildung.hypotheses.org/7188[]
  6. Zitate-Fibel (o. J.). Zitate Erich Kästner.Verfügbar unter: https://zitate-fibel.de/zitate/erich-kaestner-es-gibt-nicht-nur-die-ewig-gestrigen-es-gibt-auch-die-ewig-morgigen[]
  7. Bernhard, A. (2018). Bildung. In Bernhard, A., Rothermel, L., Rühle, Manuel (Hrsg.) (2018). Handbuch Kritische Pädagogik. Weinheim, Basel: Beltz Juventa. S. 132 – 148. 1. Auflage 2018. S. 146.[]

Birgit Spies (6. Februar 2026). Das digitale Korsett oder: Über Wissen, Bildung und Künstliche Intelligenz. ANTHROFICIAL. Abgerufen am 15. Februar 2026 von https://anthroficial.hypotheses.org/4