„Mathematik-Unterricht: „Land führt stufenweise Online-Lernsystem ein, das Lehrkräfte entlasten soll“. So lautet die Schlagzeile der HNA, einer Monopolzeitung der Ippen Gruppe in Kassel und Umgebung.
Von Stephan Schimmelpfennig (Berlin)
Das Online System „bettermarks“ wird laut HKM bereits von mehr als 20000 Lehrkräften im Mathematikunterricht eingesetzt. Der Geschäftsführer dieses Unternehmens ist gleichzeitig Mitbegründer des online Marktplatzes „ Immobilienscout24“. Das ist ein Portal, das den Anbietern Transparenz und maßgeschneiderte Preiserhöhungen durch algorithmische Auswertung von Immobilen ermöglicht.
Der Artikel dr HNA liest sich wie eine Werbeanzeige der Firma bettermarks. Über Kosten wird nicht berichtet. „Schülerinnen und Schüler können in ihrem eigenen Tempo lernen, ihr mathematisches Verständnis verbessern und Kompetenzen im Umgang mit digitalen Anwendungen entwickeln“, sagte Kultusminister Armin Schwarz (CDU) bei der Präsentation in der Rüsselsheimer Sophie-Opel-Schule.
Über eine Software-Funktion wird im Hintergrund jeder einzelne Rechenschritt erfasst und geprüft. Je nach Lernstand weist ein Algorithmus maßgeschneiderte Aufgabenpakete zu. Die Schüler können damit üben und die nächsten Lernschritte tun. Die Lehrkräfte erhalten gleichzeitig einen Überblick zum jeweiligen Lernfortschritt.“
Warum Schüler in einem regulären Mathematikunterricht nicht im eigenen Tempo lernen können sollen, wird nicht weiter erläutert. Vermutlich fungiert der Mathelehrer aus Sicht der Softwareanbieter als Sprechmaschine, unfähig seine Unterricht an den Voraussetzungen der Schüler auszurichten. Vielleicht sind es auch einfach zu viele Schüler mit geringen Vorkenntnissen und geringer Motivation oder es fehlen Sprachkenntnisse.
Guter kommunikativer Unterricht
Guter kommunikativer Unterricht würde versuchen herauszufinden, welche Gründe für das Nichtverstehen mathematischer Zusammenhänge/Inhalte vorliegen. Das wird sich ganz sicher nicht durch ein Programm ändern, das den Leistungsstand der Schüler protokolliert und einen Score generiert, bzw. den Lernfortschritt gemäß behavioristischer Dressur aufzeichnet und ermittelt. Denn Software „versteht“ja nichts von Mathematik, Algorithmen arbeiten nur Schemata für richtg/falsch ab.
Damit sind Grundprobleme benannt, die bereits im Aufsatz „Digitale Schwarze Pädagogik“ angesprochen wurden. (in Lankau (Hrsg) Die pädagogische Wende,. Weinheim 2024, S. 149ff.) Zwar wird die Anwendung als Hilfestellung und Ergänzung des Unterrichts propagiert. Aber wer die Realität in den Schulen kennt – fehlende Mathematiklehrer, übervolle Klassen, Mittelstufenschüler, die die Grundrechenarten nicht beherrschen, mangelnde Konzentrationsfähigkeit und eine Bildschirmfixierung vieler Schüler – würde andere, nichttechnsiche sondern pädagogische und didaktisch begründete Lösungswege suchen.
Es liegt die Vermutung nahe (und ist in den USA bereits Praxis), dass Schülerinnen und Schüler demnächst mangels „human resources“ demnächst ausschließlich Aufgaben mit Hilfe von Computerprogramme abarbeiten sollen, allenfalls noch von humanen Lehrern als Sozialcoaches begleitet. Entsprechende Pläne liegen bereits in den Schubladen der Medienkonzerne und werden von KI-Investoren als „Schule der Zukunft“ propagiert (vgl. z.B. Ekkehard Thümler: Von der Fabrik zur Plattform. Ein neuer Bauplan für die Schulen der digitalen Welt, 2024)
Interesse an Auseinandersetzung mit Mathematik bzw. mathematischen Fragestellungen wird so garantiert nicht geweckt.
Expansives Lernen
Individuelle Lernhindernisse, mangelnde Konzentrationsfähigkeit und fehlende Motivation in einem deutlich unterfinanziertem Schulsystem lassen sich garantiert nicht beheben, indem Schüler/innen massenhaft vor algorithmisch gesteuerte Lernmaschinen gesetzt werden. Das heißt nicht, dass Lernprogramme bei entsprechender Anleitung und Kommunikation nicht auch Sinn machen können, wenn sie im Kontext von Präsenzunterricht gezielt eingesetzt werden. Die dabei erhobenen Daten müssen allerdings auf dem lokalen Rechner bleiben, damit sie nicht missbräuchlich und kommerziell genutzt werden können.
Expansives Lernen, das Verständnis für ein Problem weckt, das mittels Zahlen bzw. mathematischen Methoden gelöst werden kann, setzt ggf. hohes Abstraktionsvermögen bei Schülern voraus, dass sich nur in einem kommunikativen Lernprozess herausbilden kann. Daraus kann sich weitere Motivation und Interesse entwickeln. Die bekannten Befunde und Ergebnisse diverser Tests sind bekannt, wie auf dieser Seite vielfach nachgelesen werden kann und wissenschaftlich belegt ist. Mehr Digitalisierung schadet möglichen Lernprozessen von Schülern, zuletzt vom Neurowissenschaftler Jared Cooney Horvath in einer schriftlichen Stellungnahme vor dem US-Senatsausschuss für Handel, Wissenschaft und Verkehr vorgetragen
Dernn den Teufel mangelndes Verstehens, kann nicht mit dem Beelzebub maschineller Lernprogramme ausgetrieben werden.
FR (19.5.2026)
Land führt stufenweise Online-Lernsystem ein, das Lehrkräfte entlasten soll
Weich, Andreas, Philipp Deny, Marvin Priedigkeit, und Jasmin Troeger (2021)
«Adaptive Lernsysteme zwischen Optimierung und Kritik. Eine Analyse der Medienkonstellationen bettermarks aus informatischer und medienwissenschaftlicher Perspektive». MedienPädagogik 44, (Datengetriebene Schule), S. 22–51.