„Ein schlechter Witz“

Kommentar einer enttäuschten Mutter und Lehrerein zu den Social-Media-Vorschlägen der Experten

(in: Neue Osnabrücker Zeitung , NOZ, vom 25.6.2026)

Deutliche  Kritik auch von Prof. Klaus Zierer im Deutschlandfunk

Von Peter Hensinger

Die Pressekonferenz am 24.06.2026 zu den Handlungsempfehlungen mit Bundesbildungsministerin Karin Prien, der CDU-Digitalpolitikerin und Juristin Nadine Schön und Prof. Olaf Köller vermittelte den Eindruck, dass jetzt der Jugendschutz konsequent angegangen würde. Entsprechend positiv berichtete die Presse. Doch es ist eine Mogelpackung, die auf den ersten Blick nicht zu durchschauen ist. Auf 114 Seiten mit viel Bekenntnissen zu Schutzabsichten werden Schlupflöcher eingebaut, die den Tech-Konzernen das Geschäftsfeld Schule absichern.

Jeannette Deckers: KI-Seepferdchen – verantwortungslos und naiv

Die Lehrerin, Autorin und Mutter Jeannette Deckers, die bereits 160.000 Unterschriften für ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugeendliche bis 16 Jahre gesammelt hat, ist empört. Im Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung fällt sie ein klares Urteil über die Handlungsempfehlungen der Expertenkommission. Sie ist entsetzt und kritisiert, dass die vorgeschlagene Altersgrenze von 13 Jahren schon bestehe und eigentlich gar keine neuen Schutzvorschriften eingeführt werden sollen:

„Die Tech-Unternehmen haben heute genau das erreicht, was sie wollten: keine höhere Altersgrenze, aber die Empfehlung, die EUDI-Wallet zum Einsatz zu bringen, die ihnen noch mehr Daten liefern würde. Musk und Zuckerberg haben jeden Grund, heute die Korken knallen zu lassen. Sie lachen doch über unsere deutschen Diskussionen über Teilhabe und Medienkompetenz.“

Unter dem Mantel der kritischen Begleitung wird den Tech-Konzernen die Tür für KiTas und Schulen weit aufgemacht, umnebelt von scheinkritischen Formulierungen. [1] So gibt es in den Handlungsempfehlungen ein gut klingendes Kapitel „Selbstregulation“, das nahelegt, schon Kleinkinder könnten bei richtiger Medienerziehung immun gegen Risiken und damit für eine frühe Nutzung gemacht werden. Das mündet in dem absurden Vorschlag eines „KI-Seepferdchens“ für die Grundschule. Auf die Frage „Insgesamt wollen die Experten Kinder und Jugendliche für die digitale Welt rüsten, etwa mit einem „KI-Seepferdchen“ in der Grundschule. Sie sind selbst Lehrerin. Kann das gelingen?“ antwortet Jeannette Deckers:

„Nein, das ist verantwortungslos und naiv. In Norwegen verbietet man ab August KI-Tools an Grundschulen komplett, während wir über ein „KI-Seepferdchen“ philosophieren. Die Annahme, man könne Kindern eine „digitale Mündigkeit“ vermitteln, um sie gegen hochgradig süchtig machende Algorithmen und andere Gefahren wie beispielsweise Grooming zu immunisieren, ist eine fatale Fehlannahme. Befähigung funktioniert hier entwicklungsbedingt nicht. Es ist eine bequeme Ausrede für die Politik: Man verweist auf die Eltern und die Schulen, schiebt die Verantwortung ab und muss selbst nichts mehr tun und sich erst recht keine Fehler, die in den letzten Jahren gemacht wurden, eingestehen.“

Lesen Sie das ganze NOZ-Interview: Kinder und soziale Medien „Ein schlechter Witz“ – so enttäuscht ist diese Mutter von den Social-Media-Vorschlägen der Experten

Kindern werden von der Kommission zu erwachsenen Konsumenten umdefiniert

Mit der Umdefinition von Kindern zu jungen Erwachsenen, die über eine Selbstregulation verfügen, werden in den Handlungsempfehlungen den Techkonzernen die Schleusen in KiTas und Schulen hinein geöffnet. Sie haben ein dreifaches Interesse an Kindern: als zukünftige Konsumenten, deren Daten man braucht, als Absatzmarkt für die EdTech-Produkte und zu ihrer ideologischen Beeinflussung über Social Media. Dafür sollen sie möglichst früh an die Geräte gebunden werden. Dem kommen die Handlungsempfehlungen nach:

  • „Digitale Medienbildung – einschließlich künstlicher Intelligenz – soll fester Bestandteil der frühen Bildung werden.“ (S.35)
  • „Bereits in der Primarstufe werden Medien- und informatische Kompetenzen systematisch aufgebaut. Kinder verstehen die grundlegenden Funktionsweisen digitaler Medien früh und werden befähigt, sich in einer digitalisierten Welt ihren alters- und entwicklungsbezogenen Voraussetzungen entsprechend sicher zu orientieren.“ (S.37)

Selbst ein Social-Media-Verbot bis 13 wird damit unterlaufen. Dafür wird der Schutzbegriff umdefiniert und entkernt. Von altersbedingten Verboten ist dort keine Rede mehr:

  • „Schutz schafft die Voraussetzungen dafür, dass Kinder und Jugendliche digitale Räume erkunden und nutzen können, ohne vermeidbaren Gefahren ausgesetzt zu sein.“(S.11)
  • „Einseitige Ansätze greifen daher zu kurz. Schutz darf nicht in pauschalen Ausschluss münden.“ (S.11)

Die theoretische Grundlage für eine Ablehnung von Verboten, einem Kern des Jugendschutzes, wird im vorangegangenen Gutachten der Kommission unmissverständlich formuliert:

  • „Grundsätzlich ist (digitale) Medienbildung eine Bildungsaufgabe von Kindertageseinrichtungen (SWK, 2022). In den Kindertageseinrichtungen bieten sich vielfältige Möglichkeiten mit Blick auf die Nutzung digitaler Medien, die Förderung von „Digital Literacy“ und frühe Elementarinformatik, sofern sie kindorientiert, mit Bedacht und qualifiziert erfolgen.“ (S. 72)
  • Deshalb müssten Kinder den Umgang mit digitalen Medien schon ab der Kita lernen, Verbote seien nicht notwendig, weil „das Risiko paternalistischer Herangehensweisen (damit sind Verbote gemeint, d. Verf.) zumindest dem Anspruch nach reduziert ist, weil es stets um die Befähigung zu eigenständigem Umgang auch mit Gefährdungen geht.“ (S. 84)

Klaus Zierer: „Und deswegen ist die Orientierung an 16 weiter sinnvoller.“

Der Aspekt, dass Schutz auch altersbedingte Verbote beinhalten muss, wird damit wegdefiniert. Diese grundfalschen Prämissen kritisiert Prof. Klaus Zierer im Interview im Deutschlandfunk (24.06.2026) parallel zur Vorstellung der Handlungsempfehlungen. Das Interview liest sich wie eine Distanzierung von den Handlungsempfehlungen. Auf die Frage des DLF: „In den Empfehlungen der Kommission ist ja die Rede von einer Altersbegrenzung möglicherweise mit 13 Jahren. Inwiefern macht es denn einen Unterschied, ob ein Kind jetzt mit 10 Jahren oder erst mit 13 Jahren mit den sozialen Medien in Kontakt kommt?“ antwortet Zierer:

„Na das ganz Entscheidende ist ja an der Stelle die Selbstregulation, die Selbststeuerung bei den sozialen Medien. Und die sozialen Medien sind da so angelegt, dass sie ein sogenanntes addictiv Design, also ein süchtig machendes Design haben, das übrigens nicht nur Kinder trifft, sondern auch viele Erwachsene. Und um dem zu widerstehen ist der präfrontale Kortex ein ganz entscheidender Aspekt. Der präfrontale Kortex ist der Vorderhirnlappen, der sozusagen zuständig ist für die Steuerung der Impulse. Und da wissen wir aus Forschungen ziemlich gut, dass der im Durchschnitt bis zum 24. Lebensjahr braucht, bis er ausgereift ist. Das ist also ein Reifungsprozess. Wenn man Glück hat, hat man vielleicht mit 16 Jahren schon diese Kompetenz der absoluten Selbststeuerung. Aber diese Studien machen eben deutlich und weisen darauf hin, dass zu früh letztendlich der Konsum von sozialen Medien darunter leidet, und ich kann von einem Zehnjährigen, von einem Elfjährigen, von einem Zwölfjährigen einfach nicht verlangen, regulier mal deinen sozialen Medienkonsum, weil das ganze Design so angelegt ist, dass es der junge Mensch eigentlich gar nicht schaffen kann. Und deswegen ist die Orientierung an 16 weiter sinnvoller.“ (DLF vom 24.6.2026, Minute 4:50)

Im Deutschlandfunk-Interview kritisiert Prof. Klaus Zierer, selbst Mitglied der Kommission, indirekt die Handlungsempfehlungen und spricht sich für strikte Verbote bis zum 16. Lebensjahr aus (ab Min 4:00): Zu wenig Schutz vor Social Media? – Int Prof. Klaus Zierer, Uni Augsburg

Am 25.11.2025 publizierte das Deutsche Schulportal der Robert-Bosch-Stiftung einen programmatischen Artikel von Prof. Klaus Zierer: Warum Schulen jetzt vier Verbote brauchen. Nachträglich kann er verstanden werden als Kritik am Gutachten der Expertenkommission, der Zierer angehört. Aus dem Gutachten ist ersichtlich, dass Zierers schulpädagogische Positionen nicht berücksichtigt wurden. So schreibt er in dem Artikel:

„Obschon auch sie nur mit Wasser kochen, lohnt ein Blick auf die besten Bildungseinrichtungen der Welt, um zu sehen, was dort anders läuft. Wer dies derzeit macht und die Debatten an der Harvard University verfolgt, wird innehalten müssen: Diskutiert wird nichts weniger als ein Verbot aller digitalen Geräte in den Seminarräumen. Während also in den Leuchttürmen der Bildungslandschaft erkannt wird, wie schädlich digitale Medien sind, wird in ihren Niederungen nach wie vor in eine Richtung gearbeitet: noch mehr digitale Medien.“

Diese Niederungen hatten wohl die Deutungshoheit in der Expertenkommission. Das war absehbar. Schon frühzeitig wandten wir uns in einem Brief an Ministerin Prien und kritisierten die Zusammensetzung der Kommission.

Auf dem Weg zum gläsernen Schüler

Die inkonsequenten Handlungsempfehlungen basieren auf mehreren falschen Grundannahmen:

  1. Der Umdefinition von Kindern und Jugendlichen zu Erwachsenen, in Ignoranz der Erkenntnisse der Hirnforschung über Selbstregulation und Impulskontrolle.
  2. Der Fehlinterpretation des Dreiklanges von Schutz, Befähigung und Teilhabe durch den Ausschluss altersbedingter Verbote. Schutz mutiert zur geschützten Nutzung. Das angestrebte Verbot bis zum 13. Lebensjahr wird damit zur Farce.
  3. Der Unterstellung, Kinder bräuchten digitale Medien für eine gesunde Entwicklung. Im Papier fehlt als Ausgangspunkt die Klärung der Grundfrage „Was brauchen Kinder, um in der digitalen Medienwelt gesund aufzuwachsen?“ Stattdessen wird postuliert, die Erziehung müsse sich der Digitalisierung anpassen.
  4. Der Abschiebung der Verantwortung der Erziehung zur Medienmündigkeit auf Eltern.
  5. Dem leeren Versprechen, ein Schutzsystem aufzubauen u.a. von Sozialarbeitern, Ärzten, Psychologen, durch Elternschulungen, ohne seine Umsetzung angesichts von leeren Kassen zu definieren.

Die falschen Grundannahmen der Hauptempfehlungen sind detailliert analysiert in dem Artikel:

„Bündnis für humane Bildung kritisiert Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“. Gutachten ist ein trojanisches Pferd: Richtige Diagnose, industriefreundliche Folgerungen.

Diese falschen Grundannahmen sind nicht zufällig. Sie sind das Fundament der datengestützten, empirischen Pädagogik, die den gläsernen Schüler voraussetzt. Die Handlungsempfehlungen dienen so letztlich der Umsetzung des Digitalpaktes 2.0 im Koalitionsvertrag der Bundesregierung mit dem Ziel, das KI-gestützte, adaptive autonome Lernen und eine Schüler-ID einzuführen. Und wer hier nicht mitzieht, dem droht eine neuer Straftatbestand: „Digitale Vernachlässigung“ (HE, S.33). Schon immer forderten die Digitalisten, dass es ein angebliches Grundrecht von Kindern sei, an der Digitalisierung teilzuhaben. Eltern, die ihre Kinder digitalfrei erziehen wollen, sehen sich bald mit einem Gummiparagrafen konfrontiert, auf den sich die Digitalisten berufen werden.

Diese Hauptströmung der gegenwärtigen Pädagogik und Bildungspolitik, die mit verantwortlich für die Bildungskatastrophe sind, analysieren Ralf Lankau / Peter Hensinger in ihrem Artikel : „KI in der Schule: „Doof gebor’n wird keiner, doof wird man gemacht …“. Künstliche Intelligenz, Avatare, (Chat)Bots und Digitalpakte: Das ABC der Dehumanisierung von Schule und Unterricht, Fachartikel: https://die-pädagogische-wende.de/doof-geborn-wird-keiner/ .

Lesen Sie dazu die zwei aktuellen Analysen des Bündnisses für humane Bildung:

Pressemitteilung: Bundesregierung muss Handlungsempfehlungen der Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ als ungenügend zurückweisen/

Prof. Ralf Lankau: Verkehrte Welt. Widersinnige Handlungsempfehlungen der Expertenkommission. Von widersinnig bis irrsinnig, ein Kniefall vor den Techkonzernen

1] Siehe dazu Überblick Nr. 7 „Kinder und digitale Medien – Eine pädagogische Herausforderung!“ von diagnose funk. Dort wird diese neue Taktik analysiert: „Taktikwechsel: „Begleitende Medienpädagogik“.