Kein Leserbrief: KI in der Grundschule – eine gute Idee?

Zu früh? Oder gar zu spät?

So beginnt ein (Werbe)Beitrag in der Rubrik „unterrichtspraxis“ der GEW-Zeitschrift „bildung&wissenschaft“ (Heft 5/2026) zur Frage, ob KI schon in der Grundschule als Thema und Anwendung verankert werden müsse. Die Antwort (samt z.T. kostenpflichtiger  Downloadangebote) lautet schlicht „Ja“ – und ist schlicht falsch.

Der Autor, Jonas Wicklein, laut Selbstauskunft Grundschullehrer, Schulentwickler (kleiner geht es heute nicht mehr) und Autor des hier promoteten „KI-Führerscheins“ argumentiert gewohnt digitalaffin, industriekonform und unreflektiert. KI sei gekommen, um zu bleiben. Nach dieser Logik entscheiden kommerzielle Unternehmen, welche Medien und Techniken im Unterricht eingesetzt werden. Das freut Apple, Google & Co., ist aber eine der Ursachen für die desaströsen Ergebnisse der Schülerinnen und Schüler bei allen Lernleistungstests. Denn ob PISA, Vera, TIMMS oder andere Formen der Lernleistungsvermessung wie der IQB-Bildungstrend zeigen unisono eine Tendenz: Schülerinnen und Schüler können immer weniger. (Horvath 2026) Behauptet wird, man könne mit Methoden des Qualitätsmanagements der produzierenden Industrie und der empirischen Bildungsforschung schulische Leistungen steuern wie einen Produktionsprozess.

Nichts anderes steckt hinter der Datafizierung von Bildungsbiografien mit (lebenslanger) Bildungs-ID und Bildungsverlaufsregister. Es ist die Logik der Informatik und der Datenmaximierung. Aber Empirie und Statistik sind keine Pädagogik. Schülerinnen und Schüler werden nicht mehr als sich individuell entwickelnde Personen wahrgenommen, die im sozialen Umfeld eines Klassen- und Schulverbandes heranwachsen, sondern nur noch als Datensatz, aus dem man ableitet, was als nächstes mit dem „Objekt Schüler“ zu tun sei, um ein vordefiniertes Ziel zu erreichen. Es ist ein Irrweg.

Selbst lernen, um etwas zu können

Statt Grundschulkindern das „Prompten“ beizubringen, sollten sie ihre Sprache und deren Logik lernen und systematisch den Wortschatz erweitern, durch Vorlesen und selbst Lesen. Denn ein Viertel der Grundschulkinder erreichen nach vier Jahren Unterricht nicht einmal die Mindeststandards in Lesen und Schreiben. Prompts aber sind Sprachanweisungen, die umso besser funktionieren je exakter formuliert wird. Der Fokus der Grundschule muss daher auf Sprachentwicklung liegen. Das ist leicht: Kinder wollen lernen, etwas selbst zu tun, selbst etwas zu formulieren und eigene Geschichten zu erfinden. Oder: Statt Kinder anzuleiten, mit ein paar Begriffen lustige KI-Bilder zu generieren, sollten sie Zeit und Muße haben, um selbst zu zeichnen und zu malen. Denn Lernen bedeutet immer: Selbst lesen, selbst schreiben, selbst rechnen, selbst malen …

Was der Beitrag der unterrichtspraxis statt dessen vorschlägt ist, Kinder auf die Benutzung technischer Werkzeuge zu konditionieren, die Aufgaben für sie übernehmen, die sie doch selbst erst lernen sollen. Joachim Bauer, Neurowissenschaftler, Facharzt und Psychotherapeut, formuliert in seinem Buch „Menschlichkeit in digitalen Zeiten“:

„Die Einführung von Künstlicher Intelligenz in Kitas, Schulen und Universitäten bedeutet, dass technisch hoch entwickelte, im Grund aber abgrundtief dumm Systeme wie ChatGPT, die nachplappern, womit sie gefüttert werden, potenziell hochbegabte junge Menschen davon abhalten, ihre eigene Intelligenz zu entwickeln. Das ist absurd.“ (Bauer 2026, S. 166)

Absurd ist, dass dieser Beitrag ausgerechnet in der Jubiläumsausgabe einer Zeitschrift für Lehrkräfte erscheint. Beim Einsatz solcher Systeme wird der Kern pädagogischer Arbeit – Lernen durch Bindung und Beziehung, Lernen in Präsenz und Sozialgemeinschaft – an technische Systeme ausgelagert und Pädagogik durch Metrik ersetzt.

Absurd ist zudem, dass die Unterlagen von einer Stiftung Katholischer privater Schulen vertrieben werden, obwohl zwei Päpste (Franziskus und Leo XIV.) sehr deutlich und unmissverständlich klar gestellt haben, dass die aktuell diskutierten Formen generativer KI (genAI) wie ChatGPT (Open AI), Claude (Anthropic), Gemini (Google) u.a. in massiver Angriff auf die Menschenwürde und demokratische Sozialgemeinschaften sind.

Humane Pädagogik statt Metrik und Statistik

Die im Mai 2026 erschienene Enzyklika „Magnifica humanitas“ von Papst Leo XIV. hat dieses Missverhältnis von Technik und Humanität noch einmal in aller Deutlichkeit präzisiert. Der Augsburger Ordinarius für Schulpädagogik Prof. Dr. Klaus Zierer leitet daraus die notwendige „Humanistische Wende in der Pädagogik“ ab.

„Schule muss vom technologischen Labor und einer psychologisch-technokratischen Spielwiese wieder zu einem humanen Bildungsraum werden. Schüler sind keine Kompetenzmaschinen und Versuchskaninchen digitaler Werkzeuge. Sie dürfen nicht zu „Rädchen im System“ werden, die digital in alle Einzelteile vermessen werden, wie es die Debatte um eine Schüler-ID zeigt. Der Mensch und damit auch Bildung sind mehr als messbare Leistung und ökonomische Verwertbarkeit.“ (Zierer, 2026)

Daher der Vorschlag an die Redaktion: Drucken Sie den Text von Klaus Zierer zur Enzyklika von Papst Leo XIV, die Zusammenfassung der Aussage von J.C. Horvath vor dem US-Ausschuss und der Studie von van der Meer zusammen mit dem „Manifest für einen bildungwirksamen Unterricht“ der Schweizer Kollegen in der nächsten Ausgabe. Denn, wie schreibt Papst Leo XIV und meint nicht nur Grundschulen:

„Wir müssen uns darin schulen, auf KI zu verzichten und wir müssen unsere Jugend vor der Verheißung der perfekten Maschine schützen, vor jener subtilen Verführung, die das menschliche Denken gerade dann nutzlos erscheinen lässt, wenn es am notwendigsten ist.“ (MH 140)

Siehe dazu passend:

Künstliche Intelligenz oder natürliche Resilienz?

Smartphones, Avatare und Lernroboter im Unterricht: Eine gute Idee?

Aufzeichnung des Vortrags im Gesprächskreis Bildungspolitik in der Rosa-Luxemburg-Stiftung (20.4.2026, online)

Literatur und Quellen

Bauer, Joachim (2026) Menschlichkeit in digitalen Zeiten. Bauer behandelt zentrale Fragen: Rezension von Peter Hensinger

GEW Baden-Württemberg (2026) unterrichtspraxis: Zu früh? Oder gar zu spät? KI im Unterricht der Grundschule

Horvath, Jared Coones (2026) Warum Bildschirme das Lernen beeinträchtigen. Ein zentraler Mechanismus.

Lankau, Ralf (2026) Warum GenAI in der Schule mehr schadet als nutzt

Schweizer Pädagogen: Manifest für einen bildungswirksamen Unterricht  (2026)

Papst Leo XIV. (2026, MH) „Magnifica humanitas“ (deutsch)

Papst Leo XIII., Rerum Novarum (1891), Enzyklika (dt.); (28.5.2026)

Papst Leo XIV (2025) KNA: Papst Leo XIV. sieht KI als eine der größten Herausforderungen, 10.5.2025;  (20.6.2025)

Papst Franziskus (2024) Über KI (beim G7-Gipfel in Italien; Wortlaut, 14. Juni 2024);  (20.6.2025)

Stiftung Katholische Freie Schule der Diözese Rottenburg-Stuttgart (o.J.) Digitaler Wandel und KI

van der Meer, Audrey L.H.  (2024) Das Schreiben mit der Hand, nicht Tippen, führt zur Konnektivität im Gehirn. 

Zierer, Klaus (PM Mai 2026) „Menschlichkeit in den Mittelpunkt: Durch Bildung KI entwaffnen!“. Professor Klaus Zierer zieht erziehungswissenschaftliche Konsequenzen  aus der Enzyklika „Magnifica humanitas“ (MH) von Papst Leo XIV: „Humanistische Wende in der Pädagogik ist überfällig“