Die PISA-Studie bestätigt ihren eigenen Misserfolg
Von Volker Ladenthin
„Deutschland erzielt 2025 in PISA die schlechtesten Ergebnisse seit Beginn der Studie, liegt insgesamt nur im OECD‑Mittelfeld, zeigt wachsende soziale Leistungsunterschiede und kämpft trotz einzelner Stärken mit Ressourcenmangel, Disziplinproblemen und steigender Ablenkung, während Einstellungen und Lernverhalten der Schüler*innen ein gemischtes Bild ergeben.“ (Pressetext)
Aber PISA ist beileibe kein einfaches Diagnoseinstrument. Mit PISA sollten und sollen soziale Bildungsreformen begründet werden, neue Bildungsziele, ein neues Sozialverhalten und eine neue Art von Unterricht. All das, so stellt PISA 2026 fest, ist gescheitert.
PISA forcierte das Teaching to the Test und damit war PISA eben kein einfaches und hilfreiches Diagnoseinstrument, sondern sollte von Beginn an als Hebel dienen, um das Bildungssystem zentralistisch umzubauen. Das wird ausdrücklich gesagt: „PISA führt zudem eindrucksvoll vor Augen, dass Veränderungen möglich sind. Deutschland hat den Weckruf des PISA-Schocks von 2001 zum Ausgangspunkt eines umfassenden Reformprogramms gemacht.“ (S. 6) War Bildung nicht einmal Ländersache?
Das schulische Lernen sollte anders werden. Es sollte nach den Erfordernissen der quantitativ-empirischen Lernpsychologie aufgebaut sein. Nur: Schulisches Lernen und Lehren funktionieren nicht nach den im Labor erhobenen Regeln der Lernpsychologie. Schule funktioniert anders. Das muss kurz erläutert werden.
Dieses Andere hat in Deutschland über 150 Jahre so hervorragend geklappt, dass eine Zeit lang die besten Wissenschaftler, die meisten Nobelpreisträger und die angesehensten Ingenieure aus dem deutschen Bildungssystem kamen. Dieses Bildungssystem, das die besten Fachleute hervorgebracht hat, ist mutwillig oder im Übermut zerstört worden. Das schulische Lernen wurde einem fachfremden System untergeordnet, der Lernpsychologie. Was ist daran so problematisch?
Der moderne Bildungsgedanke
Der moderne Bildungsgedanke, von dem unser Schulsystem gespeist war, geht davon aus, dass bedeutsames Wissen durch die Beherrschung jener Methoden erarbeitet werden kann, mit denen auch die Wissenschaft das gesellschaftlich relevante Wissen generiert. Jeder muss lernen, jedes Wissen methodisch kontrolliert zu erarbeiten. Dies nannte man wissenschaftsfundierten, wissenschaftsorientierten und wissenschaftspropädeutischen Unterricht. Sein Hauptgeschäft war die vernünftige Begründung von Aussagen. Dies machte Schüler unabhängig und bereit, die Zukunft zu gestalten. Nach 1960 waren alle Schulformen diesem Prinzip der Wissenschaftsbezogenheit verpflichtet. In der Schulpraxis bedeutete dies, dass Lehrende alle Schüler befähigten, Wissen und Können durch Rückgriff auf genau jene Methoden zu erarbeiten, mit denen in den Wissenschaftsfächern das Fachwissen generiert wird:
Da galten die in den Geisteswissenschaften vorherrschenden Regeln der Hermeneutik als grundlegende Lernmethoden für alle geisteswissenschaftlichen und zum Teil sozialwissenschaftlichen Fächer wie Geschichte, Politik oder Sozialwissenschaften. Wer gelernt hatte, den Zauberlehrling oder die Sportpalastrede nach den Regeln der Hermeneutik zu interpretieren, hatte gelernt, wie man Texte nach Textsorten interpretiert. Er hatte dies an inhaltlich relevanten Texten gelernt, die halfen, die Gegenwart und die Methode zu ihrer Analyse zu verstehen.
Die für die Naturwissenschaften gültigen Methoden des Beobachtens und Ordnens, des mathematisch-logischen Denkens und des Experimentierens galten für alle naturwissenschaftlichen Fächer und die empirischen Anteile der sozialwissenschaftlichen Fächer. Wer die grundlegenden Gesetzmäßigkeiten und die Methoden zu ihrer Erfassung verstanden hatte, konnte von nun an selbst weiterdenken.
Musik, Kunst und Sport folgten den in ihnen gültigen Regeln zum Verstehen von Kunst und Einüben von Bewegungen. Und dem Gedanken der Kreativität. Damit trugen sie auch zum kognitiven Training bei, das andere Fächer brauchten.
Die Lernpsychologie von PISA
Die Lernpsychologie von PISA jedoch geht davon aus, dass in allen Lernprozessen gleich welcher Art einige wenige kognitive Operationen angewandt und demzufolge bei der Anwendung in unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen eingeübt werden: Ordnen, analysieren, synthetisieren, transferieren usw. Die Empiriker erwarteten, dass künftige Schüler durch die Einübung dieser kognitiven Operationen die mühselige methodische Erarbeitung von Inhalten umgehen konnten. An einer Sache für alles trainieren …. Das war die zeitsparende Utopie. Benutzte man nicht beim Lesen eines Gedichts, einer Tabelle, einer naturwissenschaftlichen Aufgabe die gleichen sprachlichen Kompetenzen: Wortverstehen, Satzverstehen, Sinnverstehen, Kontextverstehen? Also konnte man die Lesefähigkeit an jedem x-beliebigen Text lehren, unabhängig von Fach und Gegenstand.
Im Labor unter experimentellen Bedingungen hatte das doch auch funktioniert!
Entscheidend sei nicht die wissenschaftsfundierte Fachmethode, die sachlich begründend zu relevanten Inhalten führt, sondern eine formale Kompetenzschulung, die inhaltsneutral ist und sich bei jedem Menschen zeigt: Bei Thomas Mann wie beim Verfasser von Behördenbriefen. Bei Einstein wie beim Fliesenleger. Beim Chefingenieurin wie beim Hobbybastler. Eingeübte Kompetenzen (daher war den PISA-Autoren dieses das Wort so wichtig) sollten die selbstständige, methodisch fundierte und kontrollierte Erarbeitung von Sachwissen ersetzen.
Dieses Programm wurde mit aller politischen Macht durchgesetzt. Von Anfang an gegen den Rat vieler Fachleute und Praktiker, die wussten, dass Kompetenzen weder inhaltsneutral erworben werden können, noch von sich aus Inhalte generieren können. Wer über Analysefähigkeit, Sozialverhalten und Ich-Motivation verfügt kann noch keinen Rohrbruch reparieren. Dazu braucht man systematische Fachkenntnisse aus dem Klempnerhandwerk. Genau die werden aber im kompetenzorientierten Unterricht als zu vernachlässigende Größe angesehen.
Zu erwarten waren bei diesem Qualifikationssystem Absolventen, die erklären konnten, wie etwas gehen müsste, es aber selbst nicht mehr ausüben konnten: Sie konnten ihren Arbeitsvertrag oder Kafkas Erzählungen nicht lesen, den Zinseszins nicht berechnen, nicht erklären, was der Unterschied von Stromspannung und Stromstärke ist. Auszubildende wurden faktisch zu kulturellen Analphabeten. Man frage einmal in den Betrieben nach: „Die vorgelegten Ergebnisse bestätigen, was die Ausbildungsbetriebe des Handwerks seit Jahren erleben: Zu viele junge Menschen verlassen die Schule ohne die Grundkompetenzen, die für eine gelingende Ausbildung nötig sind. Das gefährdet den erfolgreichen Verlauf der betrieblichen Ausbildung und damit den Start ins Berufsleben“, erklärt dazu Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks.
Fehlende Grundkompetenzen
Die Studie zeige, wie es um die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler beim Lesen, Rechnen und in den Naturwissenschaften steht. „Genau diese Fähigkeiten brauchen Auszubildende, um im Handwerk Fuß zu fassen. Wo sie fehlen, stockt der Lernprozess von Beginn an, und die Betriebe müssen aufwendig nachsteuern. Hinzu kommen Passungsprobleme: Ausbildungsbetriebe und junge Menschen finden nicht zueinander, weil die Vorstellungen vom Ausbildungsberuf nicht mit der Realität übereinstimmen oder es an Mobilität oder Wohnraum fehlt“, so Schwannecke.“ (Kompetenzverlust gefährdet beruflichen Einstieg)
In der Mathematik wurden Rechenkunst (die man im Alltag braucht) und folgerichtiges Denken im System (das man zum Studium der Naturwissenschaften und Technik braucht) durch etwas ersetzt, was man dann erst einsetzen kann, wenn man Rechen und Denken bereits beherrscht: Urteilskraft. Diese wurde nun Modulationsfähigkeit genannt und als Neuigkeit herauisgestellt, also die Fähigkeit, nach der mathematischen Regel zu suchen, mit der man lebensweltliche Aufgaben lösen kann. Nunmehr wurde in Mathematik und Naturwissenschaften jedes Mal der dritte Schritt vor den ersten beiden eingeübt. Mit den nun von PISA dokumentierten Ergebnissen. Die langfristigen Folgen dieser Reform bestätigt jede deutsche Universität: Obwohl das Abiturzeugnis laut Länderverfassungen Hochschulreife und Studierfähigkeit attestieren soll, müssen die Universitäten Stütz- und Wiederholungskurse in Mathematik anbieten. Kurz: Die Gymnasien erreichen ihre Ziele nicht mehr. Um das festzustellen, muss man sich die Homepage deutscher Universitäten ansehen und nach diesen Kursen suchen.
Das heißt aber auch, dass selbst das von PISA als Steuerungsinstrument benutzte teaching to the test (nur lehren, was abgeprüft wird und was sich abprüfen lässt) nicht funktioniert. Denn in der Schulpraxis führt es zum Auswendiglernen von Inhalten und zum Einüben von nur für einen ganz bestimmten Unterrichtstypus bedeutsamen Verfahren, das inhaltlich wenig interessiert, schon gar nicht Schüler. (In einer PISA-Aufgabe sollten die 16jährige ausrechnen, ob es sich lohnt, mit dem Auto eine Abkürzung zu fahren, wenn dort eine mindere Geschwindigkeit vorgeschrieben ist: wie viele 16 jährige fahren schon Auto?)
Teilhabe statt Selbstbestimmung in sozialer Verantwortung
Zudem wurde das oberste Bildungsziel des Grundgesetzes, seit 1960 in die Formel „Selbstbestimmung in sozialer Verantwortung“ gegossen, ersetzt durch die Forderung nach „Teilhabe“. Teilhabe woran? Auch an einem Unrechtsstaat? Teilhabe an Steuerhinterziehung? An der Umweltverschmutzung? All das ist ja Realität, die folglich zum Ziel von Teilhabe werden müsste. Zum Ziel von Schule. Keine Selbstbestimmung mehr? Und schließlich: Wer bestimmt die Regeln für das Ganze, woran die anderen künftig nur noch teilhaben dürfen? Das Individuum wurde entmachtet. Statt Selbstbestimmung nun Anerkennung vorgegebener und offensichtlich als statisch oder beliebig verstandener sozialer Normen. Statt individueller Verantwortung nun Integration in ein fraglos vorausgesetztes Ganzes. Das PISA-Programm ist ein Programm der Unterordnung.
Übrigens auch in den Inhalten: Konnte es bei wissenschaftlichen Methoden durchaus zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, so dass Lehrer und Schüler in Diskussion über das gerieten, was falsch und richtig ist, ist ein solch ergebnisoffener Diskurs bei der Kompetenzschulung nicht mehr möglich. Die Kompetenzen und ihr Zweck (Teilhabe statt Gestaltung) stehen für die Schüler nicht mehr zur Disposition. Sie werden für die Schüler nicht begründet. Kompetenzen können nur internalisiert, d.h. ohne Selbstdistanzierung trainiert werden. Das schulische Lernen wird durch Einüben und Internalisieren ersetzt. So kann man vielleicht Zirkuspferde dressieren, nicht aber mündige Bürger in den demokratischen Staaten des 21. Jahrhunderts auf die Wirklichkeit vorbereiten und für sie qualifizieren.
Dass PISA nicht funktioniert, hat PISA nun selbst festgestellt. Einsicht ist der erste Schritt zur Verbesserung.