Dabei gilt: Mit dem (Vor) Lesen beginnen Bildungsbiografien
Daher: Fehlentscheidungen im Bundesministerium korrigieren
Wie kontraproduktiv die Bildungspolitik in Deutschland sein kann, zeigt sich in der Praxis des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Dringend notwendige und in der Praxis erfolgreiche Projektgelder zur Leseförderung werden gestrichen.
Ein Kommentar
Wer sich mit der Erziehung und Bildung von Kindern befasst, weiß, dass Frühförderung lange vor Kita und Grundschule beginnen muss. Die Weichen werden in den ersten drei Lebensjahren gestellt. Hier entscheidet das soziale Umfeld, ob und wie Kleinkinder (nicht nur sprachlich) gefördert werden. Daher war es (und wäre es weiterhin) eine sehr gute Idee, junge Eltern bei den vorgeschriebenen Vorsorgeuntersuchungen in den Kinderarztpraxen anzusprechen und die Bedeutung des Vorlesens als Einstieg in das eigene Lesen als Bedingung jeder Bildungsbiografie anzusprechen.
Dazu wurden in den letzten zehn Jahren in mehr als 75% der Kinderarztpraxen und in Bibliotheken altersgerechte Bilderbücher und eine mehrsprachige Broschüre verschenkt. Diese „Lesestart-Taschen“ als Förderprogramm hat die Stiftung Lesen seit 2011 zusammen mit dem Bundesbildungsministerium bundesweit umgesetzt. Über die Kinderärzte wurden Eltern unabhängig von Herkunft, Bildungsstand oder Einkommen erreicht.
Jetzt hat die zuständige Bundesministerin Karin Prien das Ende des Projekts verkündet. Das ist nicht verständlich. Im Nationalen Bildungsbericht von 2026 steht explizit, wie wichtig gerade die Frühförderung ist und dass frühe Förderung die Bildungschancen und den weiteren Bildungsweg prägen. Aber statt hier weiter zu fördern und diese Unterstützung (nicht nur) für bildungsferne Familien auszubauen, wird gestrichen.
Die Kosten sind kein Argument
Die Kosten sind kein Argument. In 15 Jahre wurden bislang 43, 8 Millionen Euro aufgewendet. Gemittelt über 15 Jahre ergibt das weniger als drei Millionen Euro/Jahr, bundesweit. Rechnet man die Gelder des Digitalpakt Schule I und II dagegen (11,5 Mrd. Euro für dann zehn Jahre, der Digitalpakt II läuft ja noch), sind das statistisch mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr. Nähme man diese Milliarde pro Jahr für den „Lesestart 1-2-3“, könnte man die Leseförderung damit 300 (!) Jahre finanzieren*. Oder man könnte den Betrag für die Leseförderung verzehnfachen und käme mit dem Geld, den der Digitalpakt pro Jahr verschlingt, immer noch mehr als 30 Jahre aus. Dass man Bücher weitergeben und viele Jahre weiter lesen kann, während Elektronik innerhalb weniger Jahren zu Elektronikschritt wird …
Die als „Argument“ behauptete negative Evaluation durch den Bundesrechnungshof findet sich (zumindest im öffentlichen Teil) nicht. Dass Gelder umgeleitet werden sollen in die Leseforschung, mag die nutznießenden Universitäten freuen, den Kindern hilft es nicht. Auch in Berlin sollte bekannt sein, dass sich die Bildungsschere immer früher öffnet und immer weiter auseinandergeht. Auch die angeblich übliche, zeitliche Begrenzung für Projekt sticht nicht, wer die Fördergeldkultur und den Bundeshaushalt der Bundesrepublik kennt. Man sieht nur einmal mehr, wer hier erfolgreich lobbyiert.
Frühdigitalisierung überall gescheitert
Nimmt man dann noch zur Kenntnis, dass der „Erfolg“ der Digitalisierung an Schulen negativ ist – die IT-Kompetenzen nehmen sogar ab, obwohl (oder weil?) Kinder immer früher an Bildschirmen sitzen (sollen) – wäre Nachdenken angesagt. Die baltischen und skandinavischen Ländern korrigieren ihre Fehlentscheidungen der Frühdigitalisierung. Deutschland könnte von den Fehlentscheidungen der Nachbarländer lernen. Aber laut Handlungsempfehlungen (HE) einer von Frau Prien einberufenen Expertenkommission sollen IT und KI jetzt schon in KiTa und Grundschule verankert werden (Stichwort: „KI-Seepferchen statt Schwimmunterricht“).
Man kann die Entscheidung des Ministeriums mit Frau Prien als derzeit Verantwortliche, die Leseförderung zu streichen und Kinder stattdessen immer früher an Bildschirme zu setzen, letztlich nur als vorsätzliche Bildungsverhinderungsmaßnahmen bezeichnen.
* Die Kosten/Jahr variieren, aber auch 100 oder 150 Jahre finanziell gesicherte Leseförderung wären für die betroffenen Kinder und Familien ein Zugewinn. Über die dadurch möglichen Bildungschancen gilt das auch für die Gemeinschaft, ohne deswegen Kinder und Jugendliche gleich zum „Humankapital“ und Arbeitskraft zu entwerten.
Links (letzter Aufruf 2.7.2026)
BMBFSFJ (2026) Bildung in Deutschland 2026 .Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft.
Langversion: https://www.bildungsbericht.de/de/bildungsberichte-seit-2006/bildungsbericht-2026/pdf-dateien-2026/bildung_in_deutschland_2026_web.pdf
Zusammenfassung: https://www.bildungsbericht.de/de/bildungsberichte-seit-2006/bildungsbericht-2026/pdf-dateien-2026/bildung_in_deutschland_2026_kompakt_web.pdf
Bundesrechnungshof (Drucksache 21/3200 des Deutschen Bundestages); Unterrichtung durch den Bundesrechnungshof
Knödler, Christine (2026) Bildung: Gebt den Kindern ihre Bücher. Das Bildungsministerium stellt bald die Förderung des Programms „Lesestart 1–2–3“ ein. Wie kommt man auf so eine Idee?, in: SZ vom 30.6.2026, S. 10
Kohler, Sarah (2026) Ministerium wird »Lesestart 1-2-3« ab 2027 nicht mehr fördern. Über das Projekt »Lesestart 1-2-3« fördert die Stiftung Lesen kleine Kinder beim Lesenlernen. Das Familienministerium will die Unterstützung ab 2027 auslaufen lassen, in: Die Zeit vom 11.6.2026
Der Spiegel (o.A.) Bildung: Buchgeschenke gestrichen. In: Der Spiegel 25/2026, 11.06.2026;