Ziad Mahayni: Mensch-Sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz

KI als Scheinantwort auf eine Welt in der Krise

Ziad Mahayni (2026) Mensch-Sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz (Bild: Kohlhammer)
Ziad Mahayni (2025) Mensch-Sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz (Bild: Kohlhammer)

Die Digitalisierung krempelt alle Lebensbereiche um, Glasfaser und Mobilfunk sind ihre Hauptschlagadern für die Datenübertragung. Künstliche Intelligenz (KI) führt dazu, dass Menschen noch mehr digitale Geräte nutzen und der Strahlenbelastung durch den Mobilfunk ausgesetzt sind, denn Algorithmen sollen immer mehr Bereiche steuern. Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung ist die Digital-Only-Gesellschaft vereinbart. Ihre Grundlage ist der gläserne Bürger, dessen Daten mit Schüler-ID und Bürger-ID erfasst werden sollen. Sie bilden eine Grundlage für die Steuerung der Smart City, für Konsum und Wirtschaftsprozesse, für Bildung und nicht zuletzt für die Kriegsführung mit autonomen Drohnen.

Der Philosoph Ziad Mahayni [1] geht in seinem Buch „Mensch-Sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz“ und im Essay „Wozu lernen, wenn KI schon alles weiß?“ dieser Entwicklung auf den Grund. Künstliche Intelligenz fällt nicht zufällig in eine Zeit tiefgreifender Verunsicherung. Klimakrise, Artensterben, Umweltzerstörung, Kriege, Arbeitsplatzabbau, soziale Polarisierung, psychische Krisen und die Erosion demokratischer Institutionen überlagern sich. Mahayni spricht von einer Verbindung von digitaler Revolution, ökologischer Krise, „Psychokrise“ und Demokratieabbau. Der bisherige „Modus Operandi der Spätmoderne“ ist an seine Grenzen gekommen.

Gerade in dieser Situation entfaltet KI ihre enorme Suggestivkraft. Je unübersichtlicher die Wirklichkeit wird und je deutlicher Politik bei der Bewältigung der Krisen versagt, desto attraktiver erscheint eine Technologie, die riesige Datenmengen analysiert, Entwicklungen prognostiziert und gesellschaftliche Prozesse optimiert. KI spiegelt damit den Zeitgeist einer Gesellschaft, die ihre Probleme nicht mehr zu beherrschen glaubt und auf technische Beherrschbarkeit hofft.

Doch die Technik entwickelt sich schneller als Gesellschaft und Politik ihre Folgen verstehen und regulieren können. Mahayni weist darauf hin, dass im KI-Zeitalter die Geschwindigkeit der Technologieentwicklung die menschliche Anpassungsgeschwindigkeit übersteigt. KI wird an Schulen eingeführt, Städte beschließen die KI-gesteuerte Smart City. Eine demokratische Politik aber bräuchte Zeit für Diskussion, wissenschaftliche Prüfung und Gesetzgebung. Die Gesellschaft soll also eine Technologie kontrollieren, deren Entwicklung ihr davonläuft – und ausgerechnet diese Technologie verspricht ihr, die Kontrolle zurückzugeben.
Bilder: unsplah

„Exponentielle Steigerung von Verstand ohne Vernunft“

Klimakatastrophe, Energieversorgung, Ressourcenverbrauch, Verkehr, Bildung oder Gesundheitsversorgung erscheinen zunehmend als Daten- und Optimierungsprobleme. Hat man nur genügend Daten, Rechenleistung und Algorithmen, so die Verheißung, ließen sich auch hochkomplexe gesellschaftliche Prozesse beherrschen.

Doch die großen Krisen unserer Zeit sind nicht entstanden, weil wir zu wenig wissen oder zu schlecht rechnen können. Über Klimawandel, Artenverlust und Ressourcenverbrauch wissen wir seit Jahrzehnten sehr viel. Das Problem besteht darin, dass das Wachstums- und Profitprinzip den Takt vorgibt.

Hier wird Mahaynis Unterscheidung von Verstand und Vernunft entscheidend. Verstand fragt, wie ein vorgegebenes Ziel möglichst effizient erreicht werden kann. Vernunft fragt, ob dieses Ziel überhaupt sinnvoll ist. KI vervielfacht die Möglichkeiten des Verstandes, kann aber nicht bestimmen, welche Gesellschaft wir wollen. Mahayni nennt dies deshalb die „exponentielle Steigerung von Verstand ohne Vernunft“.

Eine KI kann den Energieverbrauch einer Stadt optimieren, aber nicht entscheiden, welche Lebensweise erstrebenswert ist. Sie kann Verkehrsströme steuern, aber nicht bestimmen, welche Mobilität wir brauchen. Sie kann Kriegsführung effizienter machen, aber nicht beantworten, wie Frieden geschaffen wird. Die großen Krisen unserer Epoche sind deshalb nicht nur Wissens-, sondern Vernunftprobleme.

Das Paradoxe besteht darin, auf eine Krise gesellschaftlicher Vernunft mit der leistungsfähigsten Verstandesmaschine zu reagieren, die Menschen je geschaffen haben. KI droht zur Scheinlösung zu werden: Klimafolgen lassen sich genauer prognostizieren, Ressourcen intelligenter managen – die Wirtschaftsweise, die sie hervorbringt, bleibt bestehen. Technik erzeugt die verführerische Illusion, wir müssten Profitsystem und Lebensweise nicht grundsätzlich verändern, weil die nächste Technologie ihre Folgen beherrschbar machen werde.

Vor der „Entfähigung“ des Menschen warnte schon Prof. Manfred Spitzer in seinem Buch „Digitale Demenz“ (2014) als Folge der ersten Digitalisierungswelle. Heute warnen Wissenschaftler: Die Künstliche Intelligenz ebnet den Weg zur Dummheit. (Buchtitel: Verlage)

Wer bestimmt den Algorithmus?

Damit stellt sich die Machtfrage. Die KI-Infrastruktur befindet sich überwiegend nicht in demokratischer Hand, sondern bei wenigen globalen Technologiekonzernen. Staaten werden von deren Modellen, Cloud-Systemen, Rechenzentren und Dateninfrastrukturen abhängig. Brisant wird dies, wenn diese Machtkonzentration auf autoritäre oder antidemokratische Vorstellungen einflussreicher Teile der Tech-Elite trifft: Demokratie gilt als zu langsam, Regulierung als Fortschrittshindernis, technische Steuerung effizienter als gesellschaftliches Aushandeln. Wo sich solche Vorstellungen mit einer enormen Konzentration von Kapital, Daten und Kommunikationsmacht verbinden, können faschistoide Strukturen entstehen. Prof. Rainer Mühlhoff beschreibt dies in seinem Buch „Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus“.

Damit bekommt Mahaynis Herr-Knecht-Dialektik eine politische Dimension: Wir schaffen eine Technologie, die vom Werkzeug zum Akteur wird. Dann richten wir gesellschaftliche Prozesse nach ihr aus, werden von ihr abhängig – und übertragen Macht auf diejenigen, die sie kontrollieren. Die eigentliche Dystopie wäre deshalb nicht der Roboter, der die Weltherrschaft übernimmt. Sie wäre eine Demokratie, die angesichts ihrer Krisen das Vertrauen in die eigene Gestaltungsfähigkeit verliert und Entscheidungen technischen Systemen und deren privaten Betreibern überlässt.

So wird KI zum Spiegel unserer Zeit: Eine verunsicherte Gesellschaft, die angesichts von Klimakatastrophe, Umweltzerstörung und Kriegen nach Orientierung sucht, begegnet einer Maschine, die auf nahezu jede Frage eine Antwort produziert. Nur die wichtigste kann sie nicht beantworten:

In welcher Welt wollen wir leben?

„Der Mensch geht, die Maschine übernimmt. Was lapidar klingt, könnte die Welt stärker verändern als die Entdeckung der Elektrizität oder die Entdeckung des Fließbands.“ (Spiegel 33/26, S. 10). Doch der technische Verstand der Maschine ist an den Interessen derjenigen ausgerichtet, die sie entwickeln und kontrollieren. Mehr denn je entscheidet sich unsere Zukunft daran, ob die menschliche Vernunft damit Schritt halten kann.

Der Spiegel berichtet bereits über Proteste gegen den „Tech-Faschismus“ und gegen umweltzerstörende Datenzentren. Zugleich wird über eine „Neudefinition des Kapitalismus“ diskutiert. Denn ohne Regulierung der Technologie könnte selbst die Zeit für einen Umbau des Wirtschaftssystems fehlen. Was auch immer die Lösung sein wird: Sie muss auf einem zunehmend geschädigten Planeten gefunden werden. „Nehmt ihnen die Welt aus der Hand, eh sie verbrannt!“, sang vor 50 Jahren die österreichische Popgruppe „Schmetterlinge“. Angesichts der Hitzewellen bekommt der Satz neue Aktualität. Keine KI senkt die Temperaturen – und eine KI, die lediglich zerstörerisches Wirtschaftswachstum beschleunigt und den Menschen das Denken abgewönt, löst keine der Krisen, die sie zu beherrschen verspricht. Im Gegenteil: KI wird Teil des Problems.

Peter Hensinger

Link zum Verlag: Ziad Mahayni „Mensch-Sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz“ (2026)

Siehe auch:

KI verändert das Leben, das Denken und das Lernen … wenn man sich von Tech-Monopolen und Software entmündigen lässt.

Von Ralf Lankau (5. August 2026)

[1] Ziad Mahayni ist Professor für Angewandte Ethik an der Hochschule Karlsruhe und Leiter des Zentrums für ethische Fragen im 21. Jahrhundert. Er hat an der TU-Darmstadt, Université de Bordeaux und der Harvard University Chemie und Philosophie studiert und lehrte zuvor in den Bereichen Future-Design und Creative Entrepreneurship. Er ist Herausgeber der Buchreihe „Ethische Fragen im 21. Jahrhundert“ und betreibt den Podcast „Auf der Kippe – Philosophie für das digitale Zeitalter“.