Ziad Mahayni (I): Mensch-Sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz

KI als Scheinantwort auf eine Welt in der Krise

Ziad Mahayni (2026) Mensch-Sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz (Bild: Kohlhammer)
Ziad Mahayni (2025) Mensch-Sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz (Bild: Kohlhammer)

Der Philosoph Ziad Mahayni [1] legt mit seinem Buch „Mensch-Sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz“ eine tiefgreifende Analyse unserer Zeitenwende vor. Nicht nur die Bildung, alle Lebensbereiche krempeln die Digitalisierung und Künstliche Intelligenz um. Glasfaser und Mobilfunk sind die Hauptschlagadern für die Datenübertragung. Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung ist die Digital-Only-Gesellschaft vereinbart. Ihre Grundlage ist der gläserne Bürger, dessen Daten mit Schüler-ID und Bürger-ID erfasst werden sollen. Sie bilden eine Grundlage für die Steuerung der Smart City, für Konsum und Wirtschaftsprozesse, für Bildung und nicht zuletzt für die Kriegsführung mit autonomen Drohnen. Mit der Künstlichen Intelligenz wird auch ein neues Weltbild geschaffen, von einem menschen- hin zu einem technikzentrierten.

Seit ChatGPT am 30. November 2022 von dem Unternehmen OpenAI veröffentlicht wurde, grassiert der Boom von Künstlicher Intelligenz in allen Lebensbereichen als Symbol eines neuen Fortschritts. Und wieder ohne Technikfolgenabschätzung, obwohl tausende IT-Spezialisten vor negativen Folgen in Appellen warn(t)en. Die Geschichte wiederholt sich. Es erinnert an den Autoboom der 60er Jahre. Wer ihn kritisierte, war von gestern. Autobahnen und Straßen zerschnitten die Landschaften, Städte wurde autogerecht umgebaut, ÖPNV und Zug zurückgedrängt. Der Verbrenner fraß Ressourcen, verpestete die Luft, um seinen Treibstoff Öl wurden Kriege geführt. Heute werden Datenautobahnen gebaut, die Daten sind das Öl des 21. Jahrhunderts. Sie sind der Supertreibstoff für die KI, eine der leistungsfähigsten Techniken der Geschichte, mit der Wachstum und Machtausübung gesichert werden sollen. So das Versprechen.

Ziad Mahayni geht in seinem Buch dieser Entwicklung und dem Hype auf den Grund. Künstliche Intelligenz fällt nicht zufällig in eine Zeit tiefgreifender Verunsicherung. Klimakrise, Artensterben, Umweltzerstörung, Kriege, Arbeitsplatzabbau, soziale Polarisierung, psychische Krisen und die Erosion demokratischer Institutionen überlagern sich. Mahayni spricht von einer Verbindung von digitaler Revolution, ökologischer Krise, „Psychokrise“ und Demokratieabbau. Der bisherige „Modus Operandi der Spätmoderne“ ist an seine Grenzen gekommen.

Gerade in dieser Situation entfaltet KI ihre enorme Suggestivkraft. Je unübersichtlicher die Wirklichkeit wird und je deutlicher Politik bei der Bewältigung der Krisen versagt, desto attraktiver erscheint eine Technologie, die riesige Datenmengen analysiert, Entwicklungen prognostiziert und gesellschaftliche Prozesse optimiert. KI spiegelt damit den Zeitgeist einer Gesellschaft, die ihre Probleme nicht mehr beherrscht und als Rettungsanker auf technische Beherrschbarkeit hofft.

Doch die Technik entwickelt sich schneller als Gesellschaft und Politik ihre Folgen verstehen und regulieren können. Mahayni weist darauf hin, dass im KI-Zeitalter die Geschwindigkeit der Technologieentwicklung die menschliche Anpassungsgeschwindigkeit übersteigt. KI wird reflexhaft an Schulen eingeführt, Städte beschließen ohne Debatten die KI-gesteuerte Smart City. Eine demokratische Politik aber bräuchte Zeit für Diskussion, wissenschaftliche Prüfung und Gesetzgebung. Die Gesellschaft soll also eine Technologie kontrollieren, deren Entwicklung ihr davonläuft – und ausgerechnet diese Technologie verspricht ihr, die Kontrolle zurückzugeben

„Exponentielle Steigerung von Verstand ohne Vernunft“

Über Ursachen von Klimawandel, Artenverlust und Ressourcenverbrauch wissen wir seit Jahrzehnten sehr viel. Das Problem besteht darin, dass das Wachstums- und Profitprinzip den Takt vorgibt. Um deren Folgen zu beherrschen, bräuchte man nur genügend Daten, Rechenleistung und Algorithmen, so die Verheißung der KI. Doch die großen Krisen unserer Zeit sind nicht entstanden, weil wir zu wenig wissen oder zu schlecht rechnen können. Ein Selbstbetrug!

Hier wird Mahaynis Unterscheidung von Verstand und Vernunft entscheidend. Verstand fragt, wie ein vorgegebenes Ziel möglichst effizient erreicht werden kann. Vernunft fragt, ob dieses Ziel überhaupt sinnvoll ist. KI vervielfacht die Möglichkeiten des Verstandes, kann aber nicht bestimmen, welche Gesellschaft wir wollen. Mahayni nennt dies deshalb die „exponentielle Steigerung von Verstand ohne Vernunft“.
Eine KI kann den Energieverbrauch einer Stadt optimieren, aber nicht entscheiden, welche Lebensweise erstrebenswert ist. Sie kann Verkehrsströme steuern, aber nicht bestimmen, welche Mobilität wir brauchen. Sie kann Kriegsführung effizienter machen, aber nicht beantworten, wie Frieden geschaffen wird. Die großen Krisen unserer Epoche sind deshalb nicht nur Daten- und Wissens-, sondern vor allem ein Vernunftproblem.

KI droht zur Scheinlösung zu werden: Ressourcenverschwendung lasse sich intelligenter vermeiden, Klimafolgen genauer prognostizieren,– die Wirtschaftsweise aber, die sie hervorbringen, bleibt bestehen. Technik erzeugt die verführerische Illusion, wir müssten Profitsystem und Lebensweise nicht grundsätzlich verändern, weil die nächste Technologie ihre Folgen beherrschbar machen werde.

Vor der „Entfähigung“ des Menschen warnte schon Prof. Manfred Spitzer in seinem Buch „Digitale Demenz“ (2014) als Folge der ersten Digitalisierungswelle. Heute warnen Wissenschaftler: Die Künstliche Intelligenz ebnet den Weg zur Dummheit. (Buchtitel: Verlage)

Herr und Knecht: Wer bestimmt den Algorithmus?

Damit stellt sich die Machtfrage. Die KI-Infrastruktur befindet sich überwiegend nicht in demokratischer Hand, sondern bei einer Tech-Elite mit einem totalitären Weltbild: Demokratie gilt als zu langsam, Regulierung als Fortschrittshindernis, technische Steuerung effizienter als gesellschaftliches Aushandeln. Prof. Rainer Mühlhoff beschreibt die politischen Folgen in seinem Buch „Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus“. Damit bekommt Mahaynis Herr-Knecht-Dialektik eine politische Dimension: Wir schaffen eine Technologie, die vom Werkzeug zum Akteur wird. Dann richten wir gesellschaftliche Prozesse nach ihr aus, werden von ihr und den Tech-Monopolen abhängig.

So wird KI zum Spiegel unserer Zeit: Eine verunsicherte Gesellschaft, die angesichts von Klimakatastrophe, Umweltzerstörung und Kriegen nach Orientierung sucht, begegnet einer Maschine, die auf nahezu jede Frage eine Antwort produziert. Nur die wichtigste kann sie nicht beantworten:

In welcher Welt wollen wir leben?

Über Ursachen von Klimawandel, Artenverlust und Ressourcenverbrauch wissen wir seit Jahrzehnten sehr viel. Das Problem besteht darin, dass das Wachstums- und Profitprinzip den Takt vorgibt. Um deren Folgen zu beherrschen, bräuchte man nur genügend Daten, Rechenleistung und Algorithmen, so die Verheißung der KI. Doch die großen Krisen unserer Zeit sind nicht entstanden, weil wir zu wenig wissen oder zu schlecht rechnen können. Ein Selbstbetrug!

Hier wird Mahaynis Unterscheidung von Verstand und Vernunft entscheidend. Verstand fragt, wie ein vorgegebenes Ziel möglichst effizient erreicht werden kann. Vernunft fragt, ob dieses Ziel überhaupt sinnvoll ist. KI vervielfacht die Möglichkeiten des Verstandes, kann aber nicht bestimmen, welche Gesellschaft wir wollen. Mahayni nennt dies deshalb die „exponentielle Steigerung von Verstand ohne Vernunft“.
Eine KI kann den Energieverbrauch einer Stadt optimieren, aber nicht entscheiden, welche Lebensweise erstrebenswert ist. Sie kann Verkehrsströme steuern, aber nicht bestimmen, welche Mobilität wir brauchen. Sie kann Kriegsführung effizienter machen, aber nicht beantworten, wie Frieden geschaffen wird. Die großen Krisen unserer Epoche sind deshalb nicht nur Daten- und Wissens-, sondern vor allem ein Vernunftproblem.

KI droht zur Scheinlösung zu werden: Ressourcenverschwendung lasse sich intelligenter vermeiden, Klimafolgen genauer prognostizieren,– die Wirtschaftsweise aber, die sie hervorbringen, bleibt bestehen. Technik erzeugt die verführerische Illusion, wir müssten Profitsystem und Lebensweise nicht grundsätzlich verändern, weil die nächste Technologie ihre Folgen beherrschbar machen werde.

Peter Hensinger

Link zum Verlag: Ziad Mahayni „Mensch-Sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz“ (2026)

Siehe auch:

KI verändert das Leben, das Denken und das Lernen … wenn man sich von Tech-Monopolen und Software entmündigen lässt.

Von Ralf Lankau (5. August 2026)

[1] Ziad Mahayni ist Professor für Angewandte Ethik an der Hochschule Karlsruhe und Leiter des Zentrums für ethische Fragen im 21. Jahrhundert. Er hat an der TU-Darmstadt, Université de Bordeaux und der Harvard University Chemie und Philosophie studiert und lehrte zuvor in den Bereichen Future-Design und Creative Entrepreneurship. Er ist Herausgeber der Buchreihe „Ethische Fragen im 21. Jahrhundert“ und betreibt den Podcast „Auf der Kippe – Philosophie für das digitale Zeitalter“.